25. Dezember 2010: Geburt Christi

Es war in Bethlehem im Morgengrauen. Der Stern be­gann zu verblassen, der letzte Besucher hatte den Stall verlassen, die Jungfrau Maria hatte das Stroh ge­ordnet, und das Kind begann endlich zu schlafen. Aber schläft man in der Weihnachtsnacht?

Sanft öffnete sich die Tür, man hätte denken können, dass eher ein Windhauch sie aufgestoßen hätte als eine Hand. Eine Frau erschien auf der Schwelle, mit Lum­pen bedeckt, so alt und so runzlig, dass ihr Mund in dem erdfarbenen Gesicht wie eine weitere Runzel schien.

Als Maria sie sah, bekam sie Angst; es war so, als wäre eine böse Fee eingetreten. Glücklicherweise schlief Je­sus! Der Ochs und der Esel kauten friedlich ihr Stroh und betrachteten die Fremde, die herankam, ohne die geringste Verwunderung, so, als kannten sie sie schon seit eh und je. Maria ließ sie nicht aus den Augen. Jeder Schritt, den sie tat, schien Jahrhunderte lang zu sein.

Die Alte schritt immer weiter voran, und jetzt war sie am Rand der Krippe angekommen. Gott sei Dank schlief Jesus immer noch. Aber schläft man in der Weih­nachtsnacht?

Plötzlich öffnete er seine Augen, und seine Mutter war ganz erstaunt, dass die Augen ihres Kindes und die Au­gen der Frau sich vollständig glichen und dass sie beide von derselben Hoffnung leuchteten.

Dann neigte sich die Alte über das Stroh, während ihre Hand in dem Gewirr ihrer Lumpen etwas suchte; es schien, als brauchte sie Jahrhunderte, es zu finden. Ma­ria schaute immer noch mit derselben Unruhe. Die Tie­re schauten auch, aber immer noch ohne Erstaunen, als ob sie schon im Voraus wüssten, was geschehen würde.

Endlich, nach langer Zeit, hatte die Alte aus ihrem Ge­lumpe einen Gegenstand gezogen, der in ihrer Hand verborgen war und den sie dem Kind übergab.

Aber was konnte dieses Geschenk bedeuten nach all den Schätzen, die die Weisen gebracht hatten, und nach all den Gaben der Hirten? Maria konnte es von ihrem Platz aus nicht sehen. Sie sah nur den vom Alter ganz gekrümmten Rücken der Frau, der sich noch mehr krümmte, als sie sich über die Krippe beugte. Doch der Ochs und der Esel, sie sahen, was es war, und immer noch verwunderten sie sich nicht.

Das alles dauerte sehr lange Zeit. Dann erhob sich die Alte, so als wäre sie befreit worden von einer sehr schweren Last, die sie gegen den Boden gezogen hatte.

Ihre Schultern waren nicht mehr gekrümmt, ihr Kopf berührte fast das Strohdach, und ihr Gesicht hatte wun­derbarerweise seine Jugendlichkeit wiedergefunden. Und als sie sich von der Krippe entfernte, um wieder zur Tür zu gehen und in dem Dunkel zu verschwinden, aus dem sie gekommen war, konnte Maria endlich se­hen, was für ein geheimnisvolles Geschenk es war.

Eva ‑ denn sie war es gewesen ‑ hatte dem Kind einen kleinen Apfel in die Hand gelegt, jenen Apfel der ersten Sünde (und der vielen, die folgten!), und der kleine rote Apfel strahlte in den Händen des Neugeborenen wie auch der ganze Erdball, der mit ihm neu geboren war.

 

Liebe Schwestern und Brüder,
zunächst hat mich diese Geschichte einfach nur angesprochen: eine schöne Idee, Eva als Besucherin an der Krippe ins Spiel zu bringen.

Dann fragte ich mich: stimmt es denn, was die Geschichte erzählt?

Ich finde: Ja! Genau das hat Jesus in seinem Leben vollbracht?
Er hat Gott und Mensch versöhnt. Er hat überwunden, was uns Menschen bedrückt: dass wir fern von Gott leben müssen, dass wir Krankheit und Tod erleiden müssen, dass Bosheit und Sünde unser Miteinander vergiften.

Wir dürfen zu Jesus, zu Gott, kommen, so wie wir sind: Von Schmerz, Enttäuschung und Schuld gezeichnet. Er nimmt uns an und richtet uns auf, so dass wir aufrecht und mit neuer – jugendlicher ‑ Kraft uns dem Leben zuwenden und ihm dienen können.

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