29. Mai 2011: 6. Ostersonntag – LJ A

Haben Sie ein Testament geschrieben?
Haben sie darin ihren Besitz – viel oder wenig – verteilt?
Oder enthält ihr Testament auch eine letzte Botschaft an die, die es lesen werden?

Wer ein Testament verfasst, denkt dabei an das Wesentliche, an das, was ihm wirklich wichtig ist.
Es wäre eine interessante Frage: Was möchte ich über meinen Tod hinaus anderen mitteilen, ihnen sagen und ans Herz legen?

Das Johannesevangelium hat sich eine große Aufgabe gestellt:  Es hat eine lange Abschiedsrede Jesu an seine Jünger zusammengestellt. Einen kurzen Abschnitt daraus haben wir gerade gehört.

Der erste Satz, in diesem Abschnitt beginnt mit einem „Wenn“: „Wenn ihr mich liebt, werdet ihre meine Gebote halten!“
Manche verstehen diesen Satz so: „Wenn du mich wirklich liebst, dann wirst du …“ Dann würde Jesus einen Nachweis der Liebe verlangen, das klänge nach Bedingung und Druck.
Ich verstehe dieses „Wenn“ anders – eher als Begründung:  Weil du mich liebst, wirst du …“

Der Exeget Johannes Beutler drückt es so aus:  Die Liebe der Jünger zu Jesus wird auf ihrer Seite dazu führen, dass sie seine Gebote halten.
Den Jüngern wird also nicht das Messer auf die Brust gesetzt: Ihr sollt mir beweisen, dass ihr mich liebt.

Aber es gibt den  Zusammenhang: Die Liebe zu Jesus führt den Jünger dazu, dass er seine Gebote beachtet.
Die Liebe bewirkt, dass wir den Geliebten achten und dass wir achten, was ihm wichtig und wertvoll ist und dass wir meiden, was ihm zuwider ist oder Kummer bereitet, was ihn ärgert oder verletzt.

Was aber ist es, was Jesus den Jüngern ans Herz legt?
Es ist die Liebe zueinander, die Liebe zu Gott und die Liebe zu jedem Menschen!
Eine Liebe, die für jeden anderen das Gute will: ob Fremd oder vertraut, ob Freund oder Feind.
Diese Liebe wird tätig – und indem sie das Gute für den anderen in den Mittelpunkt stellt, verbindet sie sich auch immer mehr mit dem Wunsch, mit dem Gefühl, den anderen zu lieben.
Die Liebe, die Jesus uns ans Herz legt, beginnt nicht mit dem Gefühl für den anderen – aber sie führt dazu hin.

Die Liebe zum alleinigen Grund und Ziel des Handelns zu machen –  ich weiß, dass ich das nicht schaffe. Meine Liebe hat Grenzen. Weil Jesus das weist, wie schwer dieser Weg und diese Aufgabe sind, verspricht er: „Der Vater wir euch den Geist als Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll.“

Dieser Beistand hilft uns, dass wir auf dem Weg bleiben, den Jesus uns gezeigt hat.
Der Geist Gottes ist bei uns und er ist in uns wirksam:
Wann immer ein Mensch einem anderen etwas Gutes tut oder gut tut – Gottes Geist regt ihn dazu an, gibt ihm dafür die Kraft, das Können und das Wissen.

Es ist eine wunderbare Zusage, die uns gegeben ist: Gottes Geist ist als Beistand bei uns.

Öffnen wir einmal die Augen und das Herz, damit wir besser erkennen, was Gottes Geist in uns und den anderen Gutes bewirkt!

22. Mai 2011: 5. Ostersonntag

Wie stehe ich zu dem Satz „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. |:Niemand kommt zum Vater, außer durch mich!“?:|

Das klingt für manche ausschließend. Sie wenden ein: Was ist mit denen, die keine Christen sind?
Schließt Gott sie vom Heil aus?

Sind nur wir Christen die Auserwählten? Haben nur Getaufte Zugang zum Himmel Gottes?

Diese Fragen entstehen auch, weil nach wie vor jener Satz gegenwärtig ist: „Außerhalb der Kirche kein Heil!“

Heute denken wir anders: Wir leben als Christen. Aber wir leben in einer Gesellschaft, in der Toleranz ein großer, hoher Wert ist. Jeder kann glauben, was und wie er will.  Oder so: Jeder darf auf seine Art selig werden.

In unserem heutigen christlichen Bewusstsein herrscht der Gedanke vor: Gottes Liebe ist so universell und allgemein, dass er keinen Menschen, kein Geschöpf vom Leben ausschließt.
Ja, manche denken sogar, kein Mensch könne so große Schuld auf sich laden, dass Gott sie ihm nicht vergeben würde.

Wir denken vielleicht sogar: Wenn Gott wirklich ein gütiger Gott ist, dann darf er doch keinen Menschen vom Leben, vom ewigen Leben ausschließen.

„Niemand kommt zum Vater, außer durch mich!“ Wie können wir diesen Satz verstehen?
Ist er vereinbar mit dem Glauben an Gottes unbegrenzter Liebe und Barmherzigkeit?
Oder ist Gott nach diesem Satz doch wie ein despotischer Herrscher, der auswählt und bevorzugt?

Ich glaube, diese Zuspitzung macht deutlich: Dieser schöne Satz: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater, außer durch mich!“ – ist keine Antwort auf die Frage: „Kommen auch Nicht-Christen in den Himmel?“

Auf welche Frage gibt dieser Satz Antwort? Thomas stellte sie:
„Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie sollen wir dann den Weg kennen?“

Jesus öffnet seinen Jüngern die Augen dafür, was er für sie tut:  Er bereitet den Weg, er ist der Weg zum Leben beim Vater.
Der zweite Satz stellt einen nicht zu überbietenden Anspruch: „Niemand kommt zum Vater, außer durch mich!“ Allein Jesus ist es, der den Vater in der Welt offenbart, der Gott als Vater der Menschen zugänglich macht.

Für mich schließt dieser Satz niemanden aus, sondern er sagt, was Christus auch für alle anderen bedeutet: jedenfalls aus meinem christlichen Glauben heraus: Er ist gekommen, damit alle Menschen gerettet werden – durch ihn.

Als Christ glaube ich so: auch die Nicht-Christen sind durch ihn erlöst, also befreit von Angst und Tod zum Leben im Himmel Gottes. Aber eines finde ich nur bei Jesus und durch Jesus:
Dass ich Gott als liebenden Vater erkenne, der alles mit uns teilt, der Freund der Menschen ist, der keines von seinen Geschöpfen verachtet, …

Diese Erkenntnis ermöglicht mir allein Christus und keiner sonst.
Niemand kommt dazu, Gott als Vater zu denken, außer mit und durch Jesus.

Dafür sei ihm Dank. Durch mein Leben.

08. Mai 2011: 3. Ostersonntag

Auch in diesem Abschnitt des Johannesevangeliums begegnet uns eine Dynamik, eine Entwicklung, die ganz bezeichnend ist für dieses Evangelium:
Nach einer erfolglosen Nacht auf See begegnen die Jünger Jesus. Aber: „Sie wussten nicht, dass es Jesus war!“
Als aber Jesus nach dem erfolgreichen Fischfang zu ihnen sagt: „Kommt und esst!“ da wussten sie, dass es der Herr war.
Im Johannesevangelium ist das sehr wichtig: dass die Jünger, das Menschen zum Glauben kommen, dass sie Jesus erkennen.

Es ist eine sehr rätselhafte Geschichte: dass die Jünger plötzlich einen so reichen Fang machen; dass Jesus plötzlich ein Kohlenfeuer entfacht hat und dass Brot und Fisch darauf liegt.
Dass von den Fischen im Netz der Jünger keinen keiner gebraucht wird, dass Petrus das Netz alleine an Land zieht.
Es springt einem fast in die Augen: Hier geht es nicht um ein Ereignis, das unbedingt erzählt werden muss;
Hier geht es um eine Glaubensbotschaft, die mittels dieser Geschichte verkündet werden soll.

Die Hauptpersonen sind in dieser Geschichte – noch vor dem Auferstandenen zwei Jünger: Einer ist natürlich Petrus, der so wie immer dargestellt wird: Spontan, tatkräftig, entschlussfreudig, emotional. Er teilt die Hauptrolle mit einem anderen : mit dem Jünger, der ihn – wieder einmal – erst die Augen öffnet. Dieser Jünger erkennt Jesus früher als Petrus und er wird nur genannt: „Der Jünger, den Jesus liebte!

Dieser Jünger wird später als Verfasser des Johannesevangeliums dargestellt. Petrus wird als der gezeigt, der das Netz an Land zieht.

Die ersten Christen lebten in verschiedenen Gemeinschaften, die sich auf verschiedene Apostel stützen. Die einen eher auf Petrus, die anderen mehr auf den Jünger, den Jesus liebte, und der oft als Johannes benannt wird.

Diese Geschichte erkennt an, dass Petrus es ist, der die Kirche zusammenhält – aber sie geht auch davon aus, dass Petrus die Rolle des Lieblingsjüngers anerkennt und dass er ihn braucht.

Die johanneischen Gruppen nehmen in Anspruch, Jesus besser zu kennen, ihn tiefer zu verstehen. Sie sind es, die die stärkste Gruppe zu einem tieferen Verständnis Jesu führen können.
Für uns Christen kann diese Ostergeschichte deshalb heute besonders wichtig werden:

Die Kirche, die sich so sehr auf das universale Petrusamt stützt, unsere römisch-katholische Kirche – tut gut daran, johanneischen Glauben zuzulassen – mehr noch: auf seine Erkenntnis zu hören.

Ich möchte versuchen, aus dieser Sicht die heutige Situation der Christenheit zu betrachten: Die Taufe wird gespendet in vielerlei Kirchen, die sich teilweise stark voneinander unterscheiden.
Aber durch die Taufe, durch den Glauben an Christus, gibt es ein tiefes Band der Gemeinschaft, so dass alle Getauften zusammen sagen können: Wir sind das eine Volk Gottes.

Die Unterschiedlichkeit zwischen evangelisch, orthodox, anglika­nisch sollten wir nicht übertreiben: es ist der Glaube an Christus, der uns zusammenhält. Zusammen sind wir auf dem Meer der Zeit unterwegs. Zusammen werfen wir die Netze aus, damit wir Menschen zu Jesus führen.

Er aber ist es, der zu uns allen sagt: Kommt und esst!
Durch ihn leben wir. Er hat uns allen die Tür zum Leben geöffnet.
Er ist für uns alle, die Speise für das ewige Leben.

Wenn er es ist, der uns einlädt, warum sollten wir dann andere von unserem Tisch fernhalten? Wenn er es ist, der uns einlädt, warum sollten wir dann nicht Gäste sein am Tisch der anderen?

Wir sollten einander darauf hinweisen: Es ist der Herr, der uns zu essen gibt: das Brot der Versöhnung, das Brot des Himmels.

01. Mai 2011: 2. Ostersonntag

An kaum einer anderen Stelle wird der Karfreitag Jesu so sehr mit seinem Ostern verbunden als hier am Ende des Johannesevan­geliums: Ein Auferstandener ohne Wundmale wäre nicht derselbe, dem die Jünger auf seinem Weg durch Galiläa bis hin nach Jerusalem nachgefolgt sind.

Sogar an den Osterkerzen werden fünf Nägel angedeutet für die fünf Wundmale Jesu – so wichtig ist das für den christlichen Glauben.

In seinem Sterben erwies sich Jesus als Licht der Völker, als der, der alle an sich zieht. Sein ganzes Leben führt hin auf seine Erhöhung am Kreuz.

Doch angesichts seines Kreuzestodes dürfen wir sein Leben nicht übersehen: Denn was Jesus sagte und tat, führte ihn in dieses tragische Ende: wäre er einfach nur hilfsbereit gewesen, dann hätte niemand eine Notwendigkeit gesehen, ihn als Gotteslästerer zu verurteilen.

Auch wenn Jesus sein Leben opferte – für seine Botschaft von Gottes bedingungsloser Liebe, dürfen wir nicht so tun, als ob Gottes Zorn auf die Menschen durch dieses Opfer hätte gestillt werden müssen. Vielmehr ist der Kreuzestod Jesu ein Zeichen für Gottes unendliche Vergebungsbereitschaft und Nachsicht mit dem Menschen: mit mir.

Angesichts des gewaltsamen Todes Jesu stellte sich seinen Jüngern und auch mir die Frage, ob wir, ob ich ihm seine Botschaft auch jetzt noch glaube: Ihr seid Gottes geliebte Kinder. Gott wird euch auferwecken. Er überlässt euch nicht dem Tod.

Mit Thomas, dem Apostel, sage ich: ja: ich glaube, wenn mein ganzes Leben – Freud und Leid – wenn ich als einmalige und unverwechselbare Person, eine Zukunft habe im Himmel.
Ich würde nicht glauben können, , wenn nur ein schicksalloses Etwas auferstehen würde. Das wäre, als ob mein Leben, meine Identität nicht mehr wäre als die Tücher, die Jesu Jünger im Grab gefunden hatten. Dann würde Gott mich nicht so annehmen, wie ich bin.

Ich glaube an die Auferstehung des Menschen hinein in Gottes Herrlichkeit und an das Weiterleben bei und in Gott. Ich glaube daran, dass alles, was ich jetzt lebe und erlebe, alle Liebe und alles Glück, mit mir an genommen und aufgenommen wird von Gott und himmlische Gestalt annimmt. Ich glaube, dass die Wunden, die mir geschlagen wurden und die ich anderen zufügte, ebenso zu mir gehören werden wie alles andere ‑ aber „verklärt“ sein werden, so dass ich himmel-artig sein werde – oder wie das Neue Testament es ausdrückt: so dass ich Gott schauen kann, wie er ist.

Zugleich ist dies ein Glaube wie der Glaube des Thomas: ein Glaube, der Zweifel kennt; ein Glaube, der nicht daran vorbei geht, dass diese jenseitige Hoffnung im diesseits unwahrscheinlich klingt.

Ich wünschte mir, dass wir untereinander so ehrlich sein können wir Thomas als er sagte: Ich glaube nicht, wenn ich nicht ….
Wenn wir einander von unseren Zweifeln erzählen, dann können wir einander auch helfen, die Zweifel zu überwinden.

Doch dieser Glaube vermag mein Leben und das Leben der Welt zu verändern, wie das beschreibt die Apostelgeschichte: Die Glaubenden hielten an der Lehre der Apostel fest,
an der Gemeinschaft und am Brechen des Brotes. Jeder erhielt in dieser Gemeinschaft so viel er nötig hatte.
Und sie waren beim ganzen Volk beliebt.

Daran müssen wir arbeiten.

23. April 2011: Predigt in der Auferstehungsfeier

Das Dunkel verlangt nach dem Licht! Die Kälte verlangt nach der Wärme!
Deshalb musste der Mensch versuchen, etwas zu finden und zu erfinden.

Da wir Unfrieden erleben: Streit und Krieg, Ungerechtigkeit und Gewalt, sehnen wir uns nach Frieden!
Da wir die Bosheit kennen, wünschen wir uns ein Leben ohne sie.
Da wir Schmerzen, Krankheit und Tod kennen, wünschen wir uns ein Leben, ohne diese Qual.

Aber: dass ich mir das wünsche, beweist noch lange nicht, dass es das gibt. Ist der Wunsch nach ungetrübten Glück, nach Frieden und Ewigkeit, der Vater des Gedankens an die Auferstehung?

Feuer machen kann man lernen.
Aber Auferstehung, dauernder, ungestörter Frieden, ewiges Leben – das liegt nicht im Bereich der menschlichen Möglichkeiten.

Was erwarte ich für die Zukunft der Erde– für meine Zukunft?
Dass der Einsatz für Friede, für Freiheit, für Heil immer seinen Karfreitag erlebt?

Die Evangelien bringen etwas neues ins Spiel:
Sie enthalten keine philosophischen Erwägungen – sondern erzäh­len von dem, was Menschen erlebt haben. Das Matthäusevange­lium erzählt von zwei Marias, die nach dem Grab sehen wollten.
Dann werden genannt: ein Erdbeben, ein Blitz, ein Engel und vor Angst zitternde Grabwächter.
Damit signalisiert das Evangelium: Jetzt kommt eine göttliche Botschaft: und die lautet:

Jesus ist nicht hier! Er ist auferstanden, wie er gesagt hat.

Wenn ich mir versuche vorzustellen, dass Jesus auf unerklärliche Weise aus dem Grab verschwunden war, erschrecke ich – umso mehr, wenn ich mich in die Lage der Frauen versetze. Unwillkürlich denke ich: Das kann nicht sein. Das gibt es nicht!

Das gibt es auch nicht – jedenfalls nicht in unserer Welt und Zeit. Was da beschrieben wird, ist jenseits unserer Welt.

Was die Menschen erlebten, was zu sehen und zu hören war, kann ich nicht mehr aufhellen: Ich kann die Frauen nicht mehr befragen: Was habt ihr gesehen, gehört, wohin seid ihr gegangen, wart ihr betrunken?

Was immer auch geschehen sein mag: Jedenfalls gingen die Jünger nach Galiläa! Dort begegnete ihnen Jesus und sagte: „Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden! Lehrt die Menschen alles zu befolgen, was ich euch geboten habe.“

Das taten die Jünger. Sie tauften und lehrten bis auf den heutigen Tag.
Eine ungeheure Wirkung – eines Geschehens, dass im dunklen Grab geschah – ohne Zeugen.
Doch diese Wirkung lässt mich aus neue fragen: Was steht dahinter? Woher kommt diese Kraft?

Ich glaube daran: sie kommt von Jesus aus Nazaret, dem gekreuzigten und in die Herrlichkeit des Himmels auferstandenen. Die Kraft kommt von ihm, der sich Maria von Magdala und der anderen Maria gezeigt hat und den Jüngern in Galiläa.
Es ist die Kraft Gottes, die in ihm war, durch die er nicht im Tod bleiben konnte. Es ist die Kraft Gottes, in jedem Geschöpf, durch die kein Geschöpf im Tod bleiben kann.

Gottes Kraft bricht den Tod auf! Weder Tod noch Leben, weder Glück noch Unglück, weder Gutes noch Böses können uns vom Leben trennen, das Gott selber in uns ist.

22. April 2011: Karfreitag

Die früheste Darstellung des gekreuzigten Christus ist eine Karikatur: die Spottzeichnung aus dem 3. Jahrhundert, zeigt einen Esel, der am Kreuz hängt. Darunter steht: »Alexamenos betet seinen Gott an«.

Christen selbst hingegen stellten Jesus erst ab dem 4. Jahrhundert als Gekreuzigten dar: und auch da nicht als zu Tode gemarterten, sondern als König am Kreuz, der auf dem Haupt nicht eine Dornenkrone, sondern einen goldenen Reif trägt.

Es ist nicht leicht, an einen Gekreuzigten als Erlöser zu glauben! Die Christen taten sich selbst schwer damit, das Leiden und Sterben Jesu am Kreuz zu verstehen und zu deuten.

Heute ist es genauso schwer wie zu allen Zeiten.
Deshalb wiederholen sich die Spottzeichnungen: zum Beispiel 2009 in Marburg: ein Ferkel am Kreuz mit der Beschriftung: Jesus, du Opfer.
Deshalb wird das Kreuz als Darstellung der Gewalt verstanden und mit dieser Begründung manchmal aus Klassenzimmern verbannt. Kinder könnten darüber erschrecken – vielleicht, weil sie ganz natürlich reagieren.

Dennoch: Wer das Leiden und Sterben Jesu am Kreuz ausblendet, verschließt die Augen davor, wie Jesus die Erlösung vollbrachte.

Eine unter den vielen Möglichkeiten, Jesu Kreuzestod zu deuten, eröffnet sein Ausruf: „Es ist vollbracht!“ – die letzten Worte Jesu Im Johannesevangelium.

Als er am Kreuz sein Leben aushauchte hat Jesus seine Sendung vollbracht,. Erinnern wir uns, was das Johannesevangelium über die Sendung Jesu sagt:
„Ich bin das Licht der Welt! Ich bin das Brot des Lebens! Ich bin der gute Hirt! Ich bin der Weinstock! Ich bin die Tür! Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben! Ich bin die Auferstehung und das Leben!“

Diese Ich-bin Worte beschreiben, wer Jesus ist und wozu er in die Welt gekommen ist. Am Kreuz ruft er aus: „Es ist vollbracht!“

Jetzt, da scheinbar sein Lebenslicht erlischt, wird er zum Licht, das alle erleuchtet.
Jetzt ist er das Brot, das ewiges Leben schenkt.
Jetzt ist er der gute Hirt, der sein Leben für die Schafe gibt.
Jetzt ist er der Weinstock, mit dem verbunden wir reiche Frucht bringen.
Jetzt ist er die Tür zum ewigen Leben.
Jetzt ist er der Weg, der zum Leben führt.
Jetzt ist er für alle, die glauben, zur Auferstehung, zum Leben geworden.

Um diese Sendung zu erfüllen, um sein Werk zu vollbringen, ging er diesen Weg.

Was hat ihn dazu bewegt? Ich bin überzeugt, eine doppelte Liebe hat ihn diesen Weg gehen lassen:

Die Liebe zum Gott Israels, zu seinem himmlischen Vater.
Er wollte dieser Liebe immer und rückhaltlos vertrauen und deshalb selbst aus Liebe handeln.
Und: Jesus hat die Menschen auf diesen Weg der Liebe eingeladen.
Wenn nämlich die Menschen an die Liebe Gottes glauben, der Vergebung und ewiges Leben schenkt, sie also vom Bösen befreit, dann werden sie bereit, selbst aus Liebe zu handeln.

So sehr er seinen Vater im Himmel liebte, so sehr liebte er auch die Menschen. Die Liebe zum Vater und die Liebe zum Menschen sind für ihn ein und dasselbe. Darin wusste er sich ganz eins mit dem Vater.

Hätte er den Kelch nicht getrunken, wäre er seinem Vater, den Menschen und seiner Liebe untreu geworden. Er ging diesen Weg aus Liebe und ‑ wenn sie wollen ‑ auch aus Gehorsam. Und das ist genauso wichtig: er ging den Weg in Freiheit. Er gab sich selbst hin für die Menschen. In ihm – so haben wir Christen erkannt ‑ hat Gott sich selbst hingegeben für uns, damit wir fähig werden, uns füreinander hinzugeben, weil die Liebe das Leben ist. Oder umgekehrt?

21. April 2011: Gründonnerstag

Hat Gott sich geändert in der Zeit zwischen dem Auszug aus Ägypten und dem Leben Jesu in der Welt!

Damals noch tötete der Engel Gottes jede Erstgeburt der Ägypter bei Mensch und Vieh!
Damals musste das Blut des Lammes an die Türpfosten gestrichen werden – als Schutzzeichen, um von dem Unheil verschont zu bleiben.
Dies alles, um die Israeliten aus der Sklaverei zu befreien.

Jesus aber wäscht seinen Jüngern die Füße.
Jesus sagt, dass er sein Leben hingibt und sein Blut vergießt – für seine Jünger.

Das ist eine gewaltige Änderung in der Beziehung Gottes zu den Menschen und es ist eine gewaltige Änderung für das Leben der Glaubenden:
Israel bemühte sich an Jahwe zu glauben. Er sollte der Gott seines auserwählten Volkes sein. Er sollte es verteidigen gegen seine Feinde und er würde es für seine Bundestreue belohnen – aber auch für seine Sünden bestrafen.

Das neue Volk Gottes aber, das Jesus Christus um sich versammelt, vereint Menschen aus allen Himmelsrichtungen und allen Erdteilen. Das neue Volk Gottes hat von seinem Herrn ein Beispiel erhalten:
Es soll sich darin üben, einander die Füße zu waschen.
Es soll sich darin üben, den Menschen ihre Sünden zu vergeben.
Es soll die Menschen erlösen, befreien.

Befreien von den Lasten, die den kleinen und schwachen auferlegt werden;
Befreien von den Ängsten, das Leben ganz verfehlt zu haben.
Befreien von den Wunden, die so manche Brüche im Leben geschlagen haben.

Das Volk Gottes ist berufen, auf diese Weise, das Reich Gottes auf der Erde zu erbauen – auf die Weise Jesu.
Er, der Meister und Herr hat seinen Jüngern die Füße gewaschen.
Er war nicht in der Welt, um zu herrschen, sondern um zu dienen.
Er war nicht in der Welt, um zu richten, sondern um zu retten,
Er war nicht in der Welt, um Angst und Schrecken zu verbreiten, sondern um die Freude seiner Jünger vollkommen zu machen.
Er ist nicht gekommen, um den Tod zu bringen, sondern das Leben.

Das ist unser Programm, wenn wir Jünger Jesu sind: Dem Mitmenschen dienen! Den Nächsten und den Fernsten.
Oft fällt es uns leichter, den Fernsten zu dienen.
Oft kämpfen wir gerade in der Familie um unser Recht, um unsere Ansprüche, um unser Ansehen, um Anerkennung – statt dem anderen sein Recht zu geben, dem anderen die Anerkennung zu schenken und für seine Vorzüge zu loben.

Jesus hat uns ein Zeichen gegeben, damit wir nicht vergessen, was er für uns getan hat.
Es erinnert uns daran, dass er uns die Füße wäscht, dass er gekommen ist, um uns zu dienen.

Dieses Zeichen ist das Brechen des Brotes und das Trinken aus dem einen Kelch.
Dieses Zeichen erinnert uns daran, dass Jesus unseren Tod mit uns und für uns teilt und dass er sein Leben, seine Liebe, seiner Auferstehung mit uns teilt.

Wenn wir dieses Zeichen vollziehen,
dann wird Jesu Leben zum Leben für uns.
dann wir Jesu Hingabe zur Hingabe für uns.

Wir dürfen miteinander das gebrochene Brot essen und aus dem Kelch trinken und dabei kommt Jesus uns ganz nahe, er wird eins mit uns und wir werden eins mit ihm. Seine Liebe ist in uns und wir dürfen sie annehmen und uns von ihr verwandeln lassen – zu Menschen, die füreinander da sind, die einander die Füße waschen.

17. April 2011: Palmsonntag

In der Leidensgeschichte gibt es einen Moment, der es wert ist, dass wir innehalten: die Kajaphas-Frage. “Ich beschwöre dich bei dem lebendigen Gott, sag uns: Bist du der Messias, der Sohn Gottes?”

Dieser Moment ist der Moment der Entscheidung.
Bis dahin gab es noch ein Zurück.
Bis dahin hätte Jesus widerrufen können und wäre vielleicht noch glimpflich davon gekommen, wenn er geantwortet hätte:
„Nein, ich bin nicht der Messias! Ich bin nicht Gottes Sohn. Manchmal glaubte ich, es zu sein, aber ich habe mich geirrt. Es war ein Wahn, ein Rausch, eine Euphorie.“

Kajaphas würde vielleicht geantwortet haben: „Sag allen Leuten, was du mir gesagt hast. Hol sie auf den Boden der Tatsachen zurück. Wir werden dich auspeitschen lassen und dann frei lassen.“

Doch in diesem Augenblick entscheidet sich Jesus ein letztes Mal – für das Kreuz – und damit für die Menschen, deren Kraft und Hoffnung er ist.

Es ist der Moment, den wir als seine Entscheidung auch für uns annehmen können. Es ist der Moment, ohne den niemand verstehen kann, was das Credo sagt: “Er wurde für uns gekreuzigt.”

Für die Kranken, die durch ihn gesund wurden
Für uns, damit wir glauben können, dass Gottes Liebe zu uns größer ist als unsere Sünde und bis in unseren Tod reicht.

Nach einer Idee von Guido Fuchs

3. APril 2011: 4. Fastensonntag im Lesejahr A

Jesus sagt:  „Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt!“

Die Nächte sind genauso dunkel und die Sonne ist genauso hell geblieben. Inwiefern ist die Welt durch Jesus heller geworden?
Wieder einmal könnte ein Prediger erklären: Jesus hat die Vergebung der Sünden verkündet, die Befreiung vom ewigen Tod gebracht – in seiner Auferstehung das ewige Leben für jeden, der zu ihm kommt.

Doch gehen wir einen Schritt weiter: Werden wir etwas persönlicher: Welches Licht ist mir in meinem Leben durch Jesus aufgegangen? Was hat er mir zu sehen ermöglicht?

Genau genommen bin ich immer noch am lernen:

Ich lerne meine Mitmenschen in seinem Licht zu sehen.
Nicht zu fragen: Was hat er falsch gemacht?
Sondern zu fragen:  Wie kann an ihm das Wirken Gottes offenbar werden?

Wie kann dieser Mensch Hoffnung und Leben gewinnen,
Freude und Zuversicht, Gemeinschaft und Geborgenheit.

Und dies ist ein ganz anderer Gedanke als zu fragen:
Welches Gebot wurde übertreten?  Wie schwer wiegt die Sünde? Darf er noch zur Kommunion gehen.

Bei der Taufe wird die Taufkerze angezündet.
In der Osternacht wird die Kerze am Osterfeuer entzündet und dreimal wird gesungen:
Lumen Christi – Christus das Licht.
Wir antworten: Deo gratias! Dank sei Gott.

Dank sei Gott, dass wir die Welt als Welt Gottes sehen.
Dank sei Gott, dass Jesus uns die Augen für den Mitmenschen öffnet, der Gottes Kind ist – wie wir selbst.
Dank sei Gott, der uns beruft das Leben anderer Menschen hell zu machen – durch unser Verständnis, durch unsere Nähe und Hilfe!
Dank sei Gott, dass er durch uns Leben wirken will.