2. November 2014: Allerseelen

1. Lesung: Ijob 19, 1.23-27
2. Lesung: Röm 8, 14-23
Evangelium: Joh 14,1-6

Das Leid, das dem Ijob widerfährt ist sprichwörtlich geworden: Ijob wird seines Eigentums beraubt, die Kinder werden ermordet. sein Haus wird verbrannt und ihn befällt eine Krankheit, in der man schon so gut wie gestorben ist. Ijob steht für alles Leid, das Menschen in ihrem Leben erfahren können und tatsächlich: jeder Mensch kann von Trauer, Krankheit und auch von Feindseligkeit erzählen.

Doch: gerade die Menschen, die am weitesten unten sind, haben oft die größten Hoffnungen. Ijob sagt: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt! Ich werde Gott schauen “

Viele hundert Jahre nach Ijob ergeht es dem Apostel Paulus ganz ähnlich: Er hat Verfolgungen, Verhaftungen, Folter und Gefängnis erträgt, Schiffbruch erlitten und fast ertrinkt, schrieb: „Ich bin überzeugt: die Leiden dieser Zeit sind nichts im Vergleich zu der Herrlichkeit, die uns geschenkt werden wird!“

Liebe Schwestern und Brüder, die Menschen im Wohlstand teilen diese Hoffnungen weniger. Sie sagen: „Ich kann mir das nicht vorstellen. Warum nicht jetzt diese Herrlichkeit? Warum nicht schon auf dieser Erde?“
Viele können und wollen nicht auf das künftige Leben hoffen, in dem wir Gott schauen und befreit sind vom Elend dieser Zeit.

Hängt es damit zusammen, dass wir durch unseren Wohlstand das Elend überdecken; dass wir die Augen verschließen und den Tod aus dem Bewusstsein verdrängen.
Ich frage mich: Wollen die Menschen eigentlich den Tod negieren, wenn sie sagen: wenn ich sterbe, dann ist alles aus?

Wenn es so wäre, wenn der Tod des Körpers das Ende der eigenen Existenz wäre, dann könnte man leben, als ob es den Tod nicht gäbe.
Man könnte den Tod verdrängen und jeden Tag auskosten und sagen: das ist das Leben. Mach das Beste daraus – für Dich.

Doch wer die Augen öffnet, der fragt sich: wozu leben, wenn es dann doch zu Ende ist? Die Freude, das Schöne das kann man ja gerne hinnehmen. Doch wozu Schmerzen ertragen? Wozu leben, wenn ich nicht mehr tun kann, was ich will?

Der Glaube an die Auferstehung gibt dem Tod eine andere Bedeutung:
Der Tod wird zum Übergang in die Welt Gottes.
Wer darauf hofft, für den hat das ganze Leben einen Sinn.
Der mag sich fragen, warum es so viel unverschuldetes Leid gibt?
Der wird mit Gott vielleicht streiten und ihm das Elend klagen.

Doch er hofft, die Herrlichkeit Gottes zu empfangen.
Deshalb geht es im Leben darum, als Gottes Ebenbild zu leben.
Es geht darum, Leben zu empfangen und Leben zu geben!

Wer das ewige Leben erhofft, wird auch das Gute dankbar annehmen und genießen – vielleicht als Vorgeschmack des Himmels.

Wer auf das ewige Leben hofft, wer Hoffnung hat, wird aber auch die Kraft haben, dem Elend, dem Leid, der Schwäche Stand zu halten. Wer hofft, hält allem stand – so hat es Paulus ausgedrückt.

Liebe Schwestern und Brüder,
heute an Allerseelen denken wir an die Verstorbenen: an alle! Weil keiner verloren ist, weil Gott keinen vergisst!
Besonders denken wir natürlich an die Verstorbenen, die wir gekannt haben und die uns nahe stehen: Die Liebe, die uns mit ihnen verbindet, reicht über den Tod hinaus.

Wir denken an die Verstorbenen mit Zuversicht:

Das Gute findet seine Vollendung!
Das Schlimme wird geheilt!
Das Böse wird vergeben und getilgt.
Die Liebe aber feiert ein Fest: denn die Liebe ist ewig –
wie Gott selbst, in dessen geliebte Kinder wir sind und bleiben
in alle Ewigkeit.

 

 

29. März 2013: Karfreitag

Hier geht es zu den liturgischen Texten: Beuron

Welche Begebenheit in der Leidensgeschichte des Herr geht ihnen besonders nahe?
Die Verhaftung? Das Verhör beim Hohenpriester? Wie Petrus Jesus dreimal verleugnet?
Beschäftigt sie das Gespräch zwischen Pilatus und Jesus oder aber die Verspottung Jesu durch die Soldaten?
Oder die Hasserfüllten Rufe, die Jesus Kreuzigung fordern?
Oder geht ihnen letztlich der Kreuzweg, die Entblößung, die Hinrichtung besonders nahe –
oder schließlich und endlich sein Tod und der Ruf: „Es ist vollbracht!“?

Letztendlich hat Jesus durchgemacht, was ein Mensch nur durch-machen kann.
Wozu ging er diesen Weg? Warum lenkte er nicht ein? Warum ließ er es soweit kommen?

„Jesus wusste, dass er von Gott gekommen war und dass er zu Gott zurückkehrte!“ sagt das Evangelium über ihn:
Wer Unrecht erfährt, verfolgt und verhaftet wird; wer erleben muss, dass ihn die Freunde verlassen und verleugnen;
wer verspottet und gefoltert wird – bis hin zum Tod;
wer unter Schmerzen und Schwäche leidet, der kann sich erinnern:

Jesus, der wusste, dass er von Gott gekommen war, er hat es freiwillig angenommen.
Wenn ich etwas von diesem Leid erfahre, wenn ich mit mir ringe und mit meinem Leben hadere, dann kann ich auf Jesus schauen.
Der Blick auf Jesu Leiden und Sterben kann mir Mut und Kraft geben:

Wenn Jesus sein Leiden und Sterben angenommen hat, dann kann auch ich Schmerzen und Enttäuschung annehmen –
ich kann sie annehmen und darf zugleich beten:

Gott, himmlischer Vater, befreie mich und verschone mich –
doch gib mir die Kraft, auch jetzt zu vertrauen, dass du da bist, dass mein Weg zu dir führt, dass du mich erlösen wirst.

Jesus wusste, dass er von Gott gekommen war und dass er zu Gott zurückkehrte – das ist der Grund, warum Jesus nicht zurückschreckte. Darin liegt auch das wozu:

Er war in der Welt um Zeugnis abzulegen für seinen himmlischen Vater. Er wollte seinen Vater ins rechte Licht rücken.
Er hat seinen Vater befreit von all dem, was menschliches Denken Gott auflud:
Er würde Strafen und richten, er würde als Feldherr für die einen kämpfen und die anderen erschlagen.
Er würde wie ein König auf die Einhaltung aller Gesetzesvorschriften pochen und wie ein Richter jeden verurteilen, der das Gesetz übertritt.

So hat er das Leid angenommen, um Gott als Vater bekannt zu machen und um die Menschen zu befreien, von der Angst vor dem Urteil, von der Angst, zu kurz zu kommen, von der Angst vom Tod verschlungen zu werden.

Es fällt mir schwer, mich zu entscheiden, welche Szene der Leidensgeschichte mich besonders bewegt.
Doch ich wünsche mir, dass im Bild gesprochen, zur rechten Zeit der Hahn kräht,
wenn wir, die wir uns Christen nennen, Christus durch unser Denken und Tun verleugnen.
Wenn wir über Menschen urteilen, wenn wir uns abwenden von denen, die Leid tragen,
wenn wir die Wahrheit und das Recht beugen,
wenn wir vergessen, dass wir gesalbt sind, das Brot zu teilen und an den Armen der Welt achtlos vorübergehen.
Wenn wir Christus aus unserem Alltag verbannen und ihn in der Kirche einsperren, wenn wir jemandem Leid zufügen …

Dann möge der Hahn krähen!
Damit wir es merken, damit wir uns wieder bekehren und aufs Neue Christus nachfolgen –
auf seinem Weg, der durch das Leiden in die Herrlichkeit Gottes führt.

6. Mai 2012: 5. Sonntag der Osterzeit

Hier geht es zu den liturgischen Texten:

Gott bleibt in mir! Ich bleibe in Gott!? Kann ich Gott in mir erfahren, spüren, wahrnehmen, Kann ich merken, dass Gott in mir ist? Was ist in mir? Was ist im Menschen?

Manche versuchen den Menschen und alle Phänomene des menschlichen Lebens durch biologische, chemische und physische Vorgänge erklären.
Zum Beispiel werden bei einem meditierenden oder betenden Menschen die Gehirnströme gemessen und man stellt fest, dass ganz bestimmte Hirnregionen beim Gebet, bei der Meditation besonders aktiv sind.
Umgekehrt regt man gezielt diese Hirnregionen in gleicher Weise mit elektrischen Impulsen an und stellt fest, dass die Versuchsperson ähnliches erlebt wie ein betender und meditierender Mensch.

Ist Religion, ist das Glaubenserleben nicht mehr als das Produkt einer bestimmten Technik, das Bewusstsein zu regulieren?
Ist damit bewiesen, dass der Mensch das religiöse Empfinden selbst produziert? Können wir das Beten ersetzen ‑ durch Elektroden am Kopf, die das Gehirn anregen?

Ähnliche Fragestellungen gibt es: Hat der Mensch wirklich einen freien Willen? Gibt es Verantwortung? Ist der Mensch ein geistiges Wesen?  Hat er eine Seele? Und wenn ja, was ist sie?

Was ist im Menschen?

Von welcher Seite auch man sich dem Menschen nähert:  Auffallend ist: Wir Menschen machen uns selbst zur Frage:

Wir fragen nach unserem Ursprung ‑ Ohne eine Antwort zu finden.
Wir fragen nach unserem Wesen – und ergründen es nicht.
Wir fragen darüber hinaus, warum überhaupt etwas ist – und kommen nicht an den Ursprung heran.

Doch eine Erkenntnis ist wesentlich: Der Mensch fragt, er will ergründen und verstehen. Das gehört zu seinem Wesen.

Was ist im Menschen? Das Fragen. Das Erforschen. Das Erkunden.  Das Verstehen wollen. Das nenne ich den menschlichen Geist!
Im Menschen ist der Geist des Verstehens.
Hinter allem Bemühen um Erklärungen steht die Hoffnung, der Glaube, dass unsere Welt, dass unser Leben verstanden werden kann. Dass es einen Sinn ergibt. Dass es irgendwie zusammengehört und gut ist.

Dieses Zusammengehören, dieser Sinn, dieses Ganze, das wir Menschen erforschen und verstehen möchten, das ist es, was wir in unserem Glauben Gott nennen.

Wir nennen es Gott, weil dieses große Geheimnis, dass die Menschheit ergründen will, der Ursprung ist und deswegen in allem ist, was es gibt.

Wir nennen es Gott, weil dieses große Geheimnis alles miteinander verbindet und zusammenhält, so dass es einen Sinn ergibt und ein Ganzes ist.

Wir nennen dieses große Geheimnis, den Ursprung und das Ganze, das wir zu ergründen suchen, Gott, weil es ein Du ist, das in dieser Welt und seinen unzähligen Phänomenen und Wechselwirkungen wirkt und sich darin ausdrückt und all das ist und will.

Ich bleibe in Gott, weil ich ein Teil dieses großen und ganzen bin, weil ich ja sage zu dem Sein in der Welt mit all seinen Phänomenen, weil ich das Leben annehme, das von Gott kommt und dieses Leben liebe.
Gott bleibt in mir, weil sein Geist in mir ist und sein Leben! Mein Fragen und Verstehen, mein Leben und Lieben – das ist Gottes Kraft in mir.
Wer Ja zum Leben sagt, wer das Leben und das Lebendige liebt, der bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm.