29.03.24: Karfreitag

Hier geht es zu den Texten der Liturgie:

Liebe Schwestern und Brüder Jesu,
ich möchte sie heute mitnehmen zu einigen Gedanken über die Frage des Pilatus: „Was ist Wahrheit?“

Jesus hatte vorher zu Pilatus gesagt: „Ich bin ein König. Und ich bin in die Welt gekommen, damit ich für die Wahrheit Zeugnis ablege.“

Welche Wahrheit?

Es gibt die einfache Unterscheidung:
Jemand sagt die Wahrheit oder die Unwahrheit.
Wenn er zum Beispiel erklärt, warum er etwas nicht getan hat, was er eigentlich hätte tun sollen.

Zu dieser einfachen Unterscheidung war Pilatus wahrscheinlich auch fähig.

Es gibt aber auch die Suche nach der Wahrheit, wenn jemand herausfin­den will, wie es wirklich ist: Viele Naturwissenschaftler widmen sich dieser Suche: So wurde entdeckt, dass die Erde rund ist, dass sie um die Sonne kreist und dass Blitz nicht vom Himmel geschleudert werden, sondern durch die Entladung elektrischer Spannung entstehen.

Es lohnt sich, einer Sache auf den Grund zu gehen und herauszufinden, wie es wirklich ist. – Mit solchen Fragen hat sich Jesus aber nicht befasst.

Für welche Wahrheit hat also Jesus Zeugnis abgelegt – bis hin zur Anklage beim Hohen Rat und beim römischen Statthalter Pilatus.

Was ist die Wahrheit, von der Jesus spricht?

Wenn jemand behauptet, die „Wahrheit“ zu kennen, werden wir heute misstrauisch: Unsere Welt ist so kompliziert, die Probleme sind so verwickelt, dass niemand sagen: „Ich weiß die Lösung“

Ist Jesus womöglich ein solcher Radikaler, einer, der seine angebliche Wahrheit allen überstülpt und alle zu Feinden erklärt, die seine Wahrheit nicht teilen?

Das aber nun auch wieder nicht: er hat zwar diskutiert und musste sich gegen den Vorwurf wehren, der Teufel rede aus ihm. Aber er selbst hat offenbar niemandem Böses gewunschen oder getan.
Das lag ihm am allermeisten fern.

Aber die Wahrheit, die für die er Zeugnis ablegte – bis hin zu Pilatus, der über sein Leben zu entscheiden hatte – war ihm so wichtig, dass er dafür den Tod auf sich nahm.

Für welche Wahrheit hat Jesus gelebt und ist er gestorben?

Haben sie eine Idee? Was ist die Wahrheit Jesu?

Im Gespräch mit Nikodemus, der dabei war, als Jesus ins Grab gelegt wurde, hat Jesus seine Wahrheit gesagt. Es gibt noch mehrere Sätze, besonders im Johannesevangelium, die diese Wahrheit ähnlich formulieren:

Zu Nikodemus sagte er: „Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird.
Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; weil er an den Namen des einzigen Sohnes Gottes geglaubt hat.“

Zu Marta sagte er nach dem Tod des Lazarus:
„Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben.“

Das also ist die Wahrheit, für die Jesus in den Tod gegangen ist. Es blieb ihm gegenüber uns Menschen, unserer Eifersucht, unserem Leid, unserer Angst und Feigheit, unserem Machthunger nichts anderes übrig,
als sich für seine Wahrheit kreuzigen zu lassen, damit diese Wahrheit wirklich gilt und glaub-würdig bleibt für uns.

Jesu Tod war deshalb wirklich ein Tod für uns. Er hat für uns Zeugnis abgelegt, dass jeder, der an ihn glaubt und in ihm die Stimme und die Wahrheit Gottes erkennt, das ewige Leben hat.

Liebe Schwestern und Brüder,
wir können nichts besseres tun, als an Jesus zu glauben und an die Wahrheit, für die er mit seinem Leben und Sterben Zeugnis gegeben hat.

Amen.

07.04.23: Karfreitag

Liebe Schwestern und Brüder,
wir haben – wieder – gehört, wie Jesus festgenommen, angeklagt, verur­teilt, gefoltert und getötet wurde. Diese Leidensgeschi­chte ist nicht schön anzuhören. Aber wir tun es, weil das Leiden Jesu für uns Christen von größter Bedeutung ist. Warum eigentlich? Warum musste Jesus sterben?

Er starb, weil die jüdische Obrigkeit verurteilt Jesus nach ihrem Gesetz wegen Gotteslästerung zum Tod.
Sie hatten Angst, dass „alle an ihn glauben“. Dann würde vielleicht das Abkommen mit den Römern platzen und sie würden ihre Stellung und den Tempel und damit ihr gutes Auskommen verlieren.

Pilatus, der Vertreter der römischen Staatsgewalt, verurteilte ihn als „König der Juden“ also als einen Aufwiegler, einen, der die Staatsmacht nicht anerkennt, der die Macht an sich reißen will.

Warum starb Jesus? Mit diesen Erklärungen findet diese Frage für mich noch nicht eine richtige Antwort. Und außerdem: Es ist auch schwer und vielleicht gar nicht ganz möglich, diese Frage zu beantworten.

Jesus wäre für uns nicht der, der er ist, wenn er eines Tages an einer Krankheit oder an Altersschwäche gestorben wäre. Dieser Tod, diese Verurteilung gehört zu seinem Leben und war ihm – so erkennen wir im Nachhinein – von Anfang an vorbestimmt. Alle vier Evangelien stimmen darin überein, dass Jesus einen solchen Tod sterben musste. Sein ganzes Leben führte – trotz aller Begeisterung in Galiläa – auf dieses Ziel hin.

Aber warum musste Jesus sterben?

Wir können und dürfen und wollen die Augen nicht davor verschließen: Jesus starb, weil wir Menschen Sünder sind: Wir beschuldigen zu Unrecht. Wir erzählen falsche Gerüchte, Wir verraten. Wir sind bereit, um des eigenen Vorteils willen jemandem zu schaden, wir üben Gewalt, wir folgen unserer Angst, wir lassen uns aufhetzen und manipulieren.

An diesen Sünden ist Jesus gestorben. So wie jeden Tag Menschen an diesen Sünden sterben. Und wenn jemand es auf den Punkt bringt und sagt: „Diese Wirtschaft, diese Politik, tötet“ – wird er dafür ausgebuht – auch in unseren Tagen.

Warum musste Jesus sterben?

Das Evangelien erklärt immer wieder: Jesus musste sterben, damit wir an ihn glauben und durch den Glauben an ihn gerettet werden. Einer seiner letzten öffentlich im Tempel gesprochen Sätze ist: „Ich bin nicht in die Welt gekommen, um die Welt zu richten, sondern um sie zu retten.“

Nach diesen Worten ist Jesu Tod tatsächlich ein Tod für uns. Denn mit der Hingabe seines Lebens besiegelt Jesus seine Sendung, die er so beschreibt: „Der Auftrag meines Vaters ist ewiges Leben“.

Niemals würden wir diese Worte heute noch zitieren, wenn Jesus nicht bereit gewesen wäre, dafür sein Leben zu geben. Dadurch aber haben sie Kraft: sie überzeugen und sie wirken in den Menschen und bewegen die Glaubenden dazu, das Werk Jesu weiterzuführen und Menschen zu heilen und zu versöhnen.

Deshalb sagt Jesus zu Recht wiederholt: Der Menschensohn muss all das erleiden, „damit durch mich der Vater verherrlicht wird und damit ich im Vater verherrlicht bin“. Das bedeutet nichts anderes als:
Durch mein Leiden bin ich meinem Vater und seinem Auftrag treu. Er hat mich gesandt, den Menschen ewiges Leben zu verkünden.
Dass Jesus verherrlicht wird, bedeutet auch: „Alle Welt wird erkennen, dass meine Botschaft wahr ist: Gott schenkt Vergebung und ewiges Leben.
Das erste und wichtigste dabei ist: Gott über alles lieben und den Nächsten lieben, wie sich selbst.“

Jesus wird dadurch verherrlicht, dass wir Christen – gleich welcher Kirche – sein Werk weiterführen.
Es darf im Volk Gottes keinen höheren Wert geben als diesen:
Nichts darf uns daran hindern, diese Sendung zu erfüllen:
Nicht die Angst vor den Menschen und ihrem Urteil.
Nicht das Festhalten an der Spaltung des Volkes Gottes,
nicht die von der Kirche selbst festgesetzten Gesetze.

Jesus hat seinen Jüngern dafür die Vollmacht gegeben: Alles, was ihr bindet, wird auch im Himmel gebunden sein und alles was ihr löst, wird auch im Himmel gelöst sein.

15.04.2022: Karfreitag

Liebe Schwestern und Brüder,
es ist der Freitag des Leidens Jesu und der Trauer um ihn, den König seines Volkes, der gekommen ist, um für die Wahrheit Zeugnis abzulegen.

Für welche Wahrheit?

Jedenfalls nicht das, was menschenverachtende Herrscher als Wahrheit ansehen: dass sie ihre Macht immer weiter vergrößern müssen,
und dass deshalb alle Menschen, die sie als Hindernis betrachten, verfolgt, verleumdet, eingesperrt und auch getötet werden.

Auch nicht das, was viele Menschen als Wahrheit ansehen: dass sie möglichst viel aus dem Leben in der Welt herausholen: Reichtum und Luxus ohne Grenzen. Sie sehen den Mitmenschen als Konkurrenten, mit dem sie darum kämpfen, wer mehr für sich herausholen kann.
Das ist die Welt der Kapitalisten.

Auch die Lethargie der vielen Menschen, die es nicht zu Macht und Reichtum bringen ist nicht die Wahrheit Jesu: Sie sagen, dass, die Mächtigen und Reichen und Rücksichtlosesten am Ende gewinnen und fügen sich diesen Regeln und versuchen einigermaßen zu überleben.

Was ist die Wahrheit, für die Jesus Zeugnis ablegt?

Liebe Schwestern und Brüder, die Antwort ist gar nicht so leicht.
Das Johannesevangelium spricht zwar immer wieder von der Wahrheit:
Sie kommt durch Jesus und sie führt zum Licht. Gott will in der Wahrheit angebetet werden. Jesus ist sogar die Wahrheit und er betet für seine Jünger um den Geist der Wahrheit.

Schwer oder kaum zu finden ist aber eine Erklärung, dass Jesus sagen würde: Die Wahrheit ist …..

Im Johannesevangelium habe ich dazu zwei Grundaussagen gefunden:

Jesus ist vom Vater gesandt, um ihn zu verherrlichen. Er und der Vater sind eins.

Und zweitens: Jesus ist von seinem Vater geliebt und liebt den Vater und tut allein das, was sein Vater ihm aufträgt. Deshalb gibt er sein Leben hin, wie ein guter Hirt, der für seine Schafe kämpft und wie ein Weizenkorn, das vergeht, um reiche Frucht zubringen. Jesus tut alles aus Liebe zu seinem Vater und weil er von seinem Vater geliebt wird.

Jesus liebt seine Jünger, wie der Vater ihn liebt und die Jünger sollen den Vater und einander in gleicher Weise lieben.

Liebe Schwestern und Brüder,
ich versuche das Ganze für mich zusammenzufassen:

Die Wahrheit Jesu ist, dass er von seinem Vater geliebt wird und dass der Vater durch ihn allen, die ihm glauben, seine Liebe und sein Leben schenkt. Aus dieser Liebe findet Jesus die Kraft, den Mächten dieser Welt zu widerstehen und aus Liebe sein Leben hinzugeben.

Liebe Schwestern und Brüder, was bedeutet das konkret?

Ist das noch eine Frage?

Liebe ist doch konkret, oder?
Liebe heißt: Du bist mir so wichtig, wie ich selbst mir bin und wie du und ich Gott wichtig sind.
Liebe heißt, ich tu alles für dich.
Und göttliche Liebe heißt: Ich schließe niemanden davon aus.

Wir erleben, wie grausam die Welt wird, wenn der Glaube an diese Wahrheit erlischt. Dann geht es nur noch darum, wer mit größerer Gewalt den Mitmenschen als Feind hasst und tötet und bezwingt.
Das ist die teuflische Wahrheit, auf die wir nicht hereinfallen sollen.
Denn diese Wahrheit bringt Tod und Verderben. – Auch wenn Sie uns jetzt als Rettung angepriesen wird.

Die Wahrheit Jesu ist, dass die Welt durch die Liebe lebt und am Leben bleibt. Dafür lohnt es sich zu leben und sogar zu sterben
– aber nicht zu töten.

19.04.2019: Karfreitag

Liebe Schwestern und Brüder,
im 2. Hochgebet beißt das einleitende Gebet vor der Wandlung so:
Am Abend, an dem Jesus ausgeliefert wurde und sich aus freiem Willen dem Leiden unterwarf, nahm er Brot …

Seit vergangenem Sommer berührt mich dieses „Aus freiem Willen“ ganz besonders und geht mir nach:
Aus freiem Willen gibt Jesus sein Leben hin – das ist umwerfend.
Wer gibt schon sein Leben aus freiem Willen hin?

Doch, es gibt Beispiele: Wer in der Suchmaschine im Internet eingibt „aus freiem Willen!“ – der findet als erstes Buchtitel zum Thema Assistierter Selbstmord, wenn Menschen wegen großer Schmerzen und Beschwerden sich das Leben nehmen wollen.
Aber: Wer  aus freiem Willen bestimmt, sich das Leben zu nehmen – tut es für sich: er möchte das Leid, die Schwäche nicht mehr ertragen. Man tut das aus Verzweiflung, die Ausweglosigkeit treibt einen zum Suizid.

Jesus wollte sich nicht das Leben nehmen. Er wollte leben. Er war gesund und voller Kraft. Ihn trieb nicht die Verzweiflung in den Tod.

Es gibt wirklich Menschen, die aus freiem Willen ihr Leben für andere einsetzen: Die Feuerwehrleute beim Brand von Notre Dame, Bergretter, der Katastrophenschutz und noch viele andere.
Sie begeben sich aus freiem Willen und selbstlos in gefährliche Situationen, um jemandem zu helfen. Denken wir nur an die Fußballmann­schaft, die in einer Höhle vom Wasser eingeschlossen war.
Das kann ich nur bewundern und es ist aller Ehren wert.
Aber es ist etwas anders: Die Rettungsleute machen hoffentlich (!) alles so, dass möglichst niemand dabei zu Schaden kommt und sie werden von niemandem bedroht – jedenfalls sollten sie nicht bedroht, sondern anerkannt und unterstützt werden.

Es gibt Beispiele von Menschen, die tatsächlich unmittelbar für einen anderen das Leben aus freiem Willen geben und sich dem Tod ausliefern: Pater Maximilian Kolbe hat sich von den NS Schergen anstelle eines Familienvaters hängen lassen. Nicht weil er lebensmüde war, sondern weil er dem Familienvater das Leben retten wollte.

Das ist Jesus Christus sehr ähnlich, der sich aus freiem Willen dem Leiden unterwarf: Er starb, weil er sagte und verkündete, dass er im Namen Gottes spricht und seinen Willen tut: „Ich verkünde, was ich von meinem Vater gehört habe.“ Dieser scheinbaren Gotteslästerung wegen wurde er angeklagt und verurteilt.

Er starb, damit seine Jünger seine Botschaft weitersagen können:
Gott verzeiht, Gott verurteilt nicht, Gott erweckt zum ewigen Leben.
Dabei dachte er nicht nur an seine Jünger, die um ihn waren: er dachte an alle, in denen er Hoffnung und Vertrauen zum Vater geweckt hatte.
Und er dachte daran, dass seine Botschaft von Gott, der Liebe ist und Quelle des Friedens nur so durch die Zeit hindurch weiterwirken kann.
Er dachte an das Heil für die Welt: Er stiftete einen neuen Bund,
den immerwährenden Bund des ewigen Lebens, das Gott schenkt.

Aus freiem Willen unterwarf er sich dem Leiden, das ihm angetan wurde,
um die Bosheit bei sich enden zu lassen. Er lieferte sich der Gewalt aus, doch er selbst blieb stark und erwiderte
Gewalt nicht mit Gewalt, sondern mit Sanftmut;
Bosheit nicht mit Bosheit, sondern mit Liebe;
Verrat nicht mit Verrat, sondern mit Treue;
Lüge nicht mit Lüge, sondern mit Wahrheit.

So war er stärker als die Dunkelheit und ihre Macht und hat sie überwunden – stellvertretend für die ganze Menschheit und als Vorbild für alle, die ihm folgen.

Wir geben zwar immer wieder bösen Gedanken und selbstsüchtigem Streben in uns Raum. Doch er gibt uns Hoffnung, dass wir dagegen ankämpfen können, denn er ist uns voraus gegangen.

Wenn wir uns aus freiem Willen für andere Menschen einsetzen, ihnen helfen, teilen, beistehen – obwohl es oft schwer ist und an den Kräften zehrt – dann sind wir Jesus ähnlich und seine Liebe bringt Frucht. Amen.

14.04.2017 Predigt zum Karfreitag

Liebe Schwestern und Brüder,
wir haben die Geschichte wieder gehört:
Verrat; Festnahme; Verhör; Demütigung; Folter; Freunde, die weglaufen; der Weg nach Golgota, bis man ihn schließlich ans Kreuz nagelt.

Diese Station des Kreuzweges ist mir schier unerträglich.
Es ist kaum auszuhalten, wenn man sieht, wie Menschen manchmal leiden müssen durch Verletzungen, an Krankheiten, wie ihnen das Atmen zur Qual wird. Man steht daneben und kann nichts dagegen tun.

Die Lippen benetzen, Schmerzmittel geben – aber die Qual, das Elend kann man nicht nehmen.

Genauso bewegt mich der Leidensbericht Jesu. Es ist kaum erträglich. Es fällt schwer, dabei zu bleiben. Kann man das nicht weglassen?
Warum muss man das immer wieder lesen und hören und sich vorstellen? Wozu?

Die Karfreitagsliturgie ist nicht die einzige Gedenkfeier:
Jedes Jahr gibt es eine Gedenkfeier für die 2989 Toten vom 11. Sept 2001.
Warum und Wozu? ….
All der Toten wird sogar namentlich gedacht, um sie zu ehren, um sie nicht zu vergessen, um zu mahnen, um den Entschluss zu erneuern, dass so etwas nicht wieder geschehen darf. Und auch, damit die Trauer der Betroffenen sich ausdrücken kann.

Wird man in 2000 Jahren noch eine Gedenkfeier für nine eleven halten?

Wir Christen aber halten seit 2000 Jahren das Gedächtnis an das Leiden Jesu wach –fest. Warum und Wozu?

Wir wollen es nicht vergessen, weil er für uns der wichtigste Mensch ist, der jemals geboren wurde. In ihm ist Gottes ewiges Wort, das schöpferische Wort, Gottes Mensch geworden – ein sterblicher Mensch.

Und dieser Jesus, in dem Gott selbst unter uns gelebt hat, hat damit unsere menschliche Natur angenommen – in all seinen Begrenzungen.

Und indem Jesus Verrat; Festnahme; Spott und Hohn, Folter, und das Kreuzesleiden ertrug, hat Gott durch ihn sein endgültiges JA zu unserer Schöpfung und zu uns Menschen gesprochen: zu uns Menschen, so wie wir sind: schöpferisch und verletzlich, stark und auf Liebe ausgerichtet, böse und leidensfähig.

Jesus selbst blieb der Liebe treu – in allem, was er tat und was ihm angetan wurde: aus Liebe vergab er das Böse, aus Liebe heilte er, aus Liebe schenkte er Freiheit.

Auch in seinem Kreuzesleiden blieb er der Liebe treu.

Jesus ist das Urbild des liebenden, schöpferischen Menschen.
Er macht uns fähig, dass auch wir im Leid der Liebe treu bleiben.
Auch im Leid sind wir von Gott geliebt und fähig zu lieben.

Selbst wenn wir Böses tun, hört Gott nicht auf, uns zu lieben.
Auch dazu hat er sein Ja gesagt, als Jesus die Bosheit ertragen hat.

Schwestern und Brüder,
wir erinnern uns an Jesu Leid, nicht, weil wir an seinem Leid und den Schmerz ergötzen wollen, nicht weil wir das Leid verherrlichen,

sondern, weil sein Kreuzesleiden uns heilt und versöhnt. Es zeigt uns, wie unermesslich Gottes Liebe zu uns Menschen ist. Bedingungslos und grenzenlos.

Amen.

3. April 2015: Predigt zu Karfreitag

Liebe Schwestern und Brüder,
Oft schon haben wir das Begräbnis eine Menschen miterlebt.
Ich erlebe die Bestattung des Verstorbenen als eine wichtige Zäsur:
der Abschied ist vollzogen. Der Vorgang ist an sein Ziel gekommen.
Die Aufregung legt sich und man wird ruhiger ‑ auch wenn der längere Teil der Trauerarbeit erst noch kommt.

So ähnlich empfinde ich auch jetzt, da ich gehört habe: „Sie setzten Jesus dort bei!“ Die schrecklichen Qualen, die Jesus zugefügt wurden, sind nun zu Ende. Er hat es geschafft. Es ist vorbei. Es kehrt ein wenig Ruhe ein.

Die Ruhe lässt einem Zeit, um Nachzudenken:
Sofort aber stehen wieder die Bilder vor Augen, weil sie noch so frisch sind: die Geschichte von Verrat, im Stich gelassen werden, mit Lügen konfrontiert werden, wehrlos ausgeliefert sein, die Folter, die Demütigungen, die unerträglichen Qualen, die brutale Gewalt.

Schwestern und Brüder, das gibt es jeden Tag in dieser Welt. Es gehört zur alltäglichen menschlichen Erfahrung. –
Auch wenn wir uns eine heile Welt wünschen und alles Mögliche unternehmen, um das Leben möglichst „perfekt“ zu gestalten und zu organisieren: Dabei haben wir in unserer Weltgegend beachtliches erreicht: Wer mit 70 Jahren stirbt, gilt bei uns noch als jung.

Wer sich Kinder wünscht, kann sie auf irgendeine Weise bekommen; wer keine will, kann es verhindern.

Selbst die bei uns als arm gelten, haben mehr als viele andere Menschen in der Welt. Was immer sich jemand wünscht, gibt es zu kaufen.

Wir versuchen das Paradies auf Erden herzustellen.

Doch ganz funktioniert es nicht: Manchmal ereilt uns ein Schrecken: die Natur spielt uns einen Streich oder die Technik versagt oder Menschen leben ihre Aggression aus und richten Unheil an oder das wohltemperierte Gleichgewicht von Finanzen und Wirtschaft gerät aus den Fugen.

Dann sind wir wieder auf dem Boden der Realität: diese Welt ist nicht und wird niemals das Paradies: Zu dieser Welt gehört der Tod!
Zu dieser Welt gehört die Gewalt, die Natur und Menschen verüben!

Und wenn wir genau überlegen hat unser fast paradiesischer Zustand in Mitteleuropa viel zu tun mit dem Elend in anderen Gegenden der Welt.

Heute ganz besonders, aber nicht nur heute, erinnern wir uns daran, dass Jesus Christus durch Unrecht und Gewalt getötet wurde. Damit stellen wir uns der Realität. Wir stellen uns der Herausforderung, wie wir mit Tod und Elend leben und dennoch an das Gute glauben können: daran, dass der gute Gott diese Erde aus Liebe erschuf und ihr deshalb auch Zukunft gibt.

Wie können wir inmitten von Unrecht und Gewalt an das Gute glauben?

Ich möchte fast sagen: wenn wir uns nicht zu Dienern des Todes machen wollen, bleibt uns nichts anderes übrig. Denn nur wenn wir an das Gute glauben, nur wenn wir an das Leben und seine Zukunft glauben, nur dann haben wir die Kraft, der Gewalt und dem Unrecht zu widerstehen, die den Tod bringen.

Jesus Christus, der gelitten hat, ist der Grund, warum wir an das Gute und an das Leben glauben können: Er lebte ganz aus dem Vertrauen auf den himmli­schen Vater und seine treue Liebe.
In seinem Leiden wurde er auf die Probe gestellt bis hin zu dem Klageruf: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Sein Vertrauen war stärker als die Angst, der Zweifel und der Schmerz. Er ist der Versuchung nicht erlegen: der Versuchung, sich aus der Schlinge zu ziehen, sich davon zu stehlen oder gar zurück zu schlagen.

Er hielt fest an seinem Vertrauen bis zum Gebet: Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist. So hat er gezeigt: mitten im Schrecken der Welt kann man an das Gute und an den guten Gott glauben. In diesen Tagen feiern wir es: Gott hat ihn nicht im Stich gelassen. Sao ist Christus uns zum Erlöser geworden, der uns das Paradies aufgeschlossen hat.

Da wir aber an Christus glauben, der der Versuchung widerstand, haben wir zu Gewalt und Unrecht ein eindeutiges Verhältnis: Wir dürfen weder Gewalt noch Unrecht verüben, sondern müssen diese beiden Geißeln der Menschen, die den Tod bringen, in uns überwinden. Gewalt und Unrecht sollen in unserem Handeln keine Chance haben.

29. März 2013: Karfreitag

Hier geht es zu den liturgischen Texten: Beuron

Welche Begebenheit in der Leidensgeschichte des Herr geht ihnen besonders nahe?
Die Verhaftung? Das Verhör beim Hohenpriester? Wie Petrus Jesus dreimal verleugnet?
Beschäftigt sie das Gespräch zwischen Pilatus und Jesus oder aber die Verspottung Jesu durch die Soldaten?
Oder die Hasserfüllten Rufe, die Jesus Kreuzigung fordern?
Oder geht ihnen letztlich der Kreuzweg, die Entblößung, die Hinrichtung besonders nahe –
oder schließlich und endlich sein Tod und der Ruf: „Es ist vollbracht!“?

Letztendlich hat Jesus durchgemacht, was ein Mensch nur durch-machen kann.
Wozu ging er diesen Weg? Warum lenkte er nicht ein? Warum ließ er es soweit kommen?

„Jesus wusste, dass er von Gott gekommen war und dass er zu Gott zurückkehrte!“ sagt das Evangelium über ihn:
Wer Unrecht erfährt, verfolgt und verhaftet wird; wer erleben muss, dass ihn die Freunde verlassen und verleugnen;
wer verspottet und gefoltert wird – bis hin zum Tod;
wer unter Schmerzen und Schwäche leidet, der kann sich erinnern:

Jesus, der wusste, dass er von Gott gekommen war, er hat es freiwillig angenommen.
Wenn ich etwas von diesem Leid erfahre, wenn ich mit mir ringe und mit meinem Leben hadere, dann kann ich auf Jesus schauen.
Der Blick auf Jesu Leiden und Sterben kann mir Mut und Kraft geben:

Wenn Jesus sein Leiden und Sterben angenommen hat, dann kann auch ich Schmerzen und Enttäuschung annehmen –
ich kann sie annehmen und darf zugleich beten:

Gott, himmlischer Vater, befreie mich und verschone mich –
doch gib mir die Kraft, auch jetzt zu vertrauen, dass du da bist, dass mein Weg zu dir führt, dass du mich erlösen wirst.

Jesus wusste, dass er von Gott gekommen war und dass er zu Gott zurückkehrte – das ist der Grund, warum Jesus nicht zurückschreckte. Darin liegt auch das wozu:

Er war in der Welt um Zeugnis abzulegen für seinen himmlischen Vater. Er wollte seinen Vater ins rechte Licht rücken.
Er hat seinen Vater befreit von all dem, was menschliches Denken Gott auflud:
Er würde Strafen und richten, er würde als Feldherr für die einen kämpfen und die anderen erschlagen.
Er würde wie ein König auf die Einhaltung aller Gesetzesvorschriften pochen und wie ein Richter jeden verurteilen, der das Gesetz übertritt.

So hat er das Leid angenommen, um Gott als Vater bekannt zu machen und um die Menschen zu befreien, von der Angst vor dem Urteil, von der Angst, zu kurz zu kommen, von der Angst vom Tod verschlungen zu werden.

Es fällt mir schwer, mich zu entscheiden, welche Szene der Leidensgeschichte mich besonders bewegt.
Doch ich wünsche mir, dass im Bild gesprochen, zur rechten Zeit der Hahn kräht,
wenn wir, die wir uns Christen nennen, Christus durch unser Denken und Tun verleugnen.
Wenn wir über Menschen urteilen, wenn wir uns abwenden von denen, die Leid tragen,
wenn wir die Wahrheit und das Recht beugen,
wenn wir vergessen, dass wir gesalbt sind, das Brot zu teilen und an den Armen der Welt achtlos vorübergehen.
Wenn wir Christus aus unserem Alltag verbannen und ihn in der Kirche einsperren, wenn wir jemandem Leid zufügen …

Dann möge der Hahn krähen!
Damit wir es merken, damit wir uns wieder bekehren und aufs Neue Christus nachfolgen –
auf seinem Weg, der durch das Leiden in die Herrlichkeit Gottes führt.