27. Mai 2012: Pfingsten

„Lukas“ wird als Verfasser des Lukasevangelium wie der Apostelgeschichte genannt. Er lässt den Engel zu Maria sagen: „Der Heilige Geist wird über Dich kommen und die Kraft des Höchsten wird Dich überschatten!“
Der Heilige Geist! Gottes Geist – schwebte über dem Wasser – dieses Bild hatten die israelitischen Priester, die das Schöpfungslied im Buch Genesis verfassten.

Gottes Geist, der Heilige Geist! – Er wurde ihnen zugesagt – bei der Taufe und in der Firmung! Und zwar nicht nur ein bisschen davon, sondern in seiner ganzen Fülle.
Das ist ein großes Geschenk, denn es ist Gott selbst, der sich ihnen zugesagt hat: der Gott Jesu, der himmlische Vater, der Schöpfer und das Ziel des Lebens!

Der Heilige Geist – Gottes Gabe für sie – ist lebendig! So lebendig wie die, in denen er wirkt. Er hat kein Verfallsdatum und er ist unerschöpflich.

Gottes Geist, Schwestern und Brüder, ist in jedem von ihnen!

Wie? Was? Ich merke nichts davon! – werden sie vielleicht sagen. Aber ich darf ihnen entgegnen: Doch: Sie merken es jeden Tag!

Sie machen einen Krankenbesuch! Sie lassen sich auf einen Kompromiss ein. Sie fassen den Mut zusammen und vertreten ihre Überzeugung und Meinung. Sie raffen sich wieder auf, trotz aller Beschwerden und Schmerzen und Enttäuschungen. Sie zeigen Kindern den Weg ins Leben. Sie nehmen Rücksicht. Sie freuen sich an schöner Musik, an Bildern, an guten Gedanken, an schöner Sprache. Sie finden Trost in der Trauer und können sich Gott anvertrauen!

Jede und Jeder könnte eine Geschichte schreiben über das Wirken des Geistes Gottes in seinem Leben – eine Geschichte solange wie sein Leben selbst.

Ziehe ich den Heiligen Geist zu sehr ins Alltägliche, Selbstverständliche? Muss es nicht etwas Besonderes sein? Zum Beispiel wie bei Mutter Teresa oder Dr. Johann Maier?

Schwestern und Brüder! In keiner Weise. So wie Gott Ja sagt zum Leben und wie er Mensch geworden ist in Jesus von Nazareth – so ist das ganze Leben durchdrungen von Gottes Geist. Ohne ihn gäbe es weder Leben noch Liebe, weder Hoffnung noch Freude!

Diesen Geist Gottes sehe ich auch am Werk in Menschen, die keine Christen sind, aber durch die Gott viel Segen schenkt: Menschen, die so wie sie und ich sich dem Mitmenschen in Güte und Wahrheit zuwenden. Ich glaube tatsächlich, dass Gott überall ist, wo Menschen Ja zum Leben sagen und dem Leben dienen.
Welchen anderen Ursprung sollte es sonst noch für das Leben geben!

Zugleich aber bin ich dankbar, dass ich im Glauben an Jesus Christus, den Auferstandenen diese Gabe bewusst empfangen und angenommen habe!

Ich darf Leben – im Blick auf Jesus:
Seine Freude an Gott und an der Einheit mit Gott ist in mir.
Wie er kann ich Gott vertrauen, dem himmlischen Vater, der liebt und Schuld vergibt.
Durch ihn kann ich hoffen und bauen auf Gott, der das Ziel des Lebens ist!
Seine Dankbarkeit gegenüber Gott, für all die herrlichen Gaben in der Schöpfung ist in mir!
Er hat mir die Augen geöffnet und er öffnet sie mir immer neu –
für das Geheimnis des Lebens, das in Gott seinen Ursprung hat.

Wir dürfen miteinander Pfingsten feiern und Gott danken für seinen Geist, den er uns gegeben hat, durch den wir ihm ähnlich sind, weil wir lieben können nach seinem Vorbild.

20. Mai 2012: 7. Sonntag der Osterzeit

Hier geht es zu den liturgischen Texten:

Der Umweltminister muss sich – unfreiwillig – von seinen Mitarbeitern im Ministerium verabschieden.
Der Trainer des Jahn Regensburg verabschiedet sich von seiner Mannschaft.
Ein Mitarbeiter wird in den Ruhestand verabschiedet.

Was sagt man beim Abschied und zum Abschied?

Ein Teil ist der Dank für alle Gute und Schöne, dass man miteinander erlebt hat.
Ein Teil ist zu erklären, was einem die anderen bedeuten, vielleicht auch, was schwierig war. Man kann noch einmal seine Besonderen Anliegen und Ziele zusammenfassen, für die man sich eingesetzt hat.
Ein Teil ist der Blick auf die Zukunft: Der Abschied ist begleitet von guten Wünschen für den anderen.

Das Johannesevangelium entwirft eine lange Abschiedsrede Jesu von seinen Jüngern, nachdem er ihnen die Füße gewaschen hatte.
Der letzte Teil dieser Abschiedsrede ist in die Form eines Gebetes gekleidet. Jesus betet zum Vater – vor seinen Jüngern – bevor er seinen Weg zu Ende geht.
Der Abschnitt, den ich gerade vorlesen dürfte, enthält einige ganz wichtige Punkte:

Jesus sagt: Ich habe meinen Jüngern gezeigt wer du bist! Ich ergänze: dass du mein und ihr himmlische Vater bist und dass du ihnen nahe bist.

Und Jesus betet für seine Jünger, dass die eins sind – so wie er und der Vater. Nicht einheitlich – – sondern eins: einig im Glauben an den Vater Jesu und an Jesus seinen Sohn. Geeint durch die Liebe des Vaters, die seine Jünger verbindet und zusammenhält.

Jesus möchte, dass seine Freude in den Jüngern ist: die Freude an Gott, die Freude zu leben, die Freude an der Einheit.

Jesus bittet um den Schutz vor dem Bösen: denn das Böse gibt es in der Welt. Krankheit, Feindschaft bedrohen das Leben – vor allem aber: das Böse bedroht den Glauben, das Vertrauen in die Liebe Gottes und die Kraft, selber das Gute zu tun.

Und deshalb betet Jesus darum, dass sie seinem Vater immer ähnlicher werden: in der Fähigkeit zu lieben – auch dann, wenn die Liebe auf die Probe gestellt wird.

Dazu sendet Jesus sie in die Welt und darum gibt er auch sein Leben hin – statt es zu retten – damit auch seine Jünger die Kraft haben, mehr auf Gott zu hören und zu vertrauen – als dass sie ihr Leben sichern und ihre nur allzu berechtigten Bedürfnisse befriedigen.

13. Mai 2012: 6. Sonntag der Osterzeit, LJ B

Ich beginne meine Ansprachen meistens so: Liebe Schwestern und Brüder,
Bei Briefen zwischen Freunden steht unten oft: Liebe Grüße!

Was meinen wir, wenn wir jemand „lieb“ nennen und „lieb“ grüßen?
Ist er lieb, weil er so nett ist? Weil er wie ein liebes Kind tut, was man von ihm will?

Ich bin der Meinung, wir sollten mit dem Wort „lieb“ sorgfältig umgehen – denn das, was das Wort „lieb“ meint, ist so kostbar, so wertvoll, so besonders, dass man es auf keinen Fall leichtfertig verwenden sollte. Man würde es entwerten und banalisieren!

Wenn ich sie „liebe Schwestern und Brüder“ nenne, dann, weil sie mir lieb und teuer sind; weil sie mir wertvoll sind!
Vor allem aber, weil wir als Schwestern und Brüder verbunden sind in der Liebe Gottes, des Vaters und in der Liebe Jesu, unseres Herrn und Erlösers.

Die Liebe Gottes! – Woran kann ich merken, dass Gott voll Liebe ist – so wie es das Johannesevangelium beteuert und bekennt und verkündet!

Woran kann ein Mensch merken,  dass er von irgendjemandem geliebt wird?
Gibt es Zeichen und Hinweise, die einem erkennen lassen: Ich glaube dir, dass du mich liebst?

Ich möchte nicht den Spezialfall der romantischen, partnerschaftlichen  Liebe oder Verliebtheit betrachten: da gibt es eindeutige Signale, die kaum zu übersehen sind.
Ich möchte von der Liebe sprechen, mit der Eltern und Kinder  meist – einander lieben; oder mit der Partner sich auch nach vielen Jahren noch lieben können.

Gibt es jemanden, der sie liebt? Und wenn ja, was heißt das eigentlich?
Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass ich jetzt keine Kennzeichen der Liebe aufzähle. Denn die Liebe zwischen Menschen drückt sich so vielfältig aus, wie Menschen eben sind.
Und ‑ die Liebe ist auch nicht immer nur auf den anderen bezogen. Auch wer liebt, will etwas für sich selbst!

Das Johannesevangelium spricht davon, dass „Gott, der Vater“ Jesus liebt und dass Jesus seine Jünger genauso liebt.
Schließlich sollen die Jünger einander lieben, wie Jesus sie geliebt hat!

Wie konnten die Jünger merken, dass Jesus sie liebt?
Wie konnte Jesus merken, dass sein Vater ihn liebt?
Wie kann heute ein Mensch merken, dass Gott ihn liebt?

Die Antwort darauf ist nicht ganz leicht: nicht leicht zu geben und nicht leicht zu hören.

Es ist wie immer bei der Liebe. Es gibt viele Zeichen und Hinweise: Dazu gehört für mich alles Schöne und Gute, das ich in meinem Leben erfahren darf:
andere Menschen haben mich Liebe spüren lassen.
ich erlebe Geborgenheit bei Menschen und in der Schöpfung;
nicht zuletzt staune ich über die Welt und das Universum, das ein Kunstwerk ist, wie es sich kein Mensch ausdenken könnte:

Es ist das Leben selbst, das mich an SEINE Liebe glauben lässt:  dass ich leben darf, mit ihnen allen,
dass dieses Leben weitergeht und nicht im Nichts verschwindet,  das zeigt mir, dass ER es mir gab und dass er mich liebt.

Selbst das Geheimnis des Sterbens deutet noch auf den hin, von dem das Leben kommt. Denn alles, was zum Sterben gehört, bewegt uns Menschen, noch genauer zu fragen: Was sollen wir tun?
Welchen Sinn hat das Leben?  Was ist das Ganze und Eine, das alles Zusammenhält.

Es gibt nicht nur viele Zeichen – alles ist ein Zeichen, für IHN, der sein Leben mit uns teilt.
Ich will in seiner Liebe bleiben: ich will festhalten am Ja zum Leben, das seinen Ursprung hat in SEINEM Ja zur Vergänglichkeit.

6. Mai 2012: 5. Sonntag der Osterzeit

Hier geht es zu den liturgischen Texten:

Gott bleibt in mir! Ich bleibe in Gott!? Kann ich Gott in mir erfahren, spüren, wahrnehmen, Kann ich merken, dass Gott in mir ist? Was ist in mir? Was ist im Menschen?

Manche versuchen den Menschen und alle Phänomene des menschlichen Lebens durch biologische, chemische und physische Vorgänge erklären.
Zum Beispiel werden bei einem meditierenden oder betenden Menschen die Gehirnströme gemessen und man stellt fest, dass ganz bestimmte Hirnregionen beim Gebet, bei der Meditation besonders aktiv sind.
Umgekehrt regt man gezielt diese Hirnregionen in gleicher Weise mit elektrischen Impulsen an und stellt fest, dass die Versuchsperson ähnliches erlebt wie ein betender und meditierender Mensch.

Ist Religion, ist das Glaubenserleben nicht mehr als das Produkt einer bestimmten Technik, das Bewusstsein zu regulieren?
Ist damit bewiesen, dass der Mensch das religiöse Empfinden selbst produziert? Können wir das Beten ersetzen ‑ durch Elektroden am Kopf, die das Gehirn anregen?

Ähnliche Fragestellungen gibt es: Hat der Mensch wirklich einen freien Willen? Gibt es Verantwortung? Ist der Mensch ein geistiges Wesen?  Hat er eine Seele? Und wenn ja, was ist sie?

Was ist im Menschen?

Von welcher Seite auch man sich dem Menschen nähert:  Auffallend ist: Wir Menschen machen uns selbst zur Frage:

Wir fragen nach unserem Ursprung ‑ Ohne eine Antwort zu finden.
Wir fragen nach unserem Wesen – und ergründen es nicht.
Wir fragen darüber hinaus, warum überhaupt etwas ist – und kommen nicht an den Ursprung heran.

Doch eine Erkenntnis ist wesentlich: Der Mensch fragt, er will ergründen und verstehen. Das gehört zu seinem Wesen.

Was ist im Menschen? Das Fragen. Das Erforschen. Das Erkunden.  Das Verstehen wollen. Das nenne ich den menschlichen Geist!
Im Menschen ist der Geist des Verstehens.
Hinter allem Bemühen um Erklärungen steht die Hoffnung, der Glaube, dass unsere Welt, dass unser Leben verstanden werden kann. Dass es einen Sinn ergibt. Dass es irgendwie zusammengehört und gut ist.

Dieses Zusammengehören, dieser Sinn, dieses Ganze, das wir Menschen erforschen und verstehen möchten, das ist es, was wir in unserem Glauben Gott nennen.

Wir nennen es Gott, weil dieses große Geheimnis, dass die Menschheit ergründen will, der Ursprung ist und deswegen in allem ist, was es gibt.

Wir nennen es Gott, weil dieses große Geheimnis alles miteinander verbindet und zusammenhält, so dass es einen Sinn ergibt und ein Ganzes ist.

Wir nennen dieses große Geheimnis, den Ursprung und das Ganze, das wir zu ergründen suchen, Gott, weil es ein Du ist, das in dieser Welt und seinen unzähligen Phänomenen und Wechselwirkungen wirkt und sich darin ausdrückt und all das ist und will.

Ich bleibe in Gott, weil ich ein Teil dieses großen und ganzen bin, weil ich ja sage zu dem Sein in der Welt mit all seinen Phänomenen, weil ich das Leben annehme, das von Gott kommt und dieses Leben liebe.
Gott bleibt in mir, weil sein Geist in mir ist und sein Leben! Mein Fragen und Verstehen, mein Leben und Lieben – das ist Gottes Kraft in mir.
Wer Ja zum Leben sagt, wer das Leben und das Lebendige liebt, der bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm.

17. Mai 2012: Christi Himmelfahrt

Hier geht es zu den liturgischen Texten:

Jesus Christus ist aufgefahren in den Himmel und sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters – von dort wird er kommen, zu richten die lebenden und die Toten.
Er wird richten! Sprechen wir da – wie es der Text vorgibt – -aber: was denken wir dabei? Was glauben wir da eigentlich?

Dass Jesus im Himmel ist – bei Gott, dem Vater, dass er wie Gott ist und selbst Gott ist, dass er Anteil hat an Macht und Herrlichkeit Gottes.
Das kann ich leicht glauben und denken: Wenn ich auf Jesus schaue und wie er gelebt hat, dass er viel Gutes getan hat und Freiheit und Versöhnung gebracht hat. Ja, er hat Gottes Willen getan und verkündet und deshalb gehört er für immer zu Gott und neben Gott.

Aber: fast möchte ich sagen: den Satz vom Gericht hätte sich der Evangelist und das Glaubensbekenntnis lieber gespart:

In meinem Ohr klingen ganz andere Sätze:  Ich bin nicht gekommen, um zu richten, sondern um zu retten. Ich verurteile dich nicht! Deine Sünden sind dir vergeben! Heute ist dem Zachäus das Heil geschenkt worden. Das sind ebenfalls Sätze des Evangeliums – Sätze der christlichen Botschaft – Das Evangelium, das wir verkünden dürfen – im Auftrag Jesu.

Diese Versöhnungsbotschaft Jesu muss ich im Ohr haben, damit der Satz vom verurteilt werden den richtigen Ton erhält.

An Jesus glauben heißt: Glauben, dass Gott mich nicht verurteilt, sondern dass Gott mir Leben schenkt. Glauben, dass das Leben von Gott kommt und zu Gott hinführt – so wie das Leben Jesu auch.

Nicht an Jesus glauben, heißt weiterhin glauben, dass Gott uns nach unseren Sünden beurteilt und verurteilt. Wer nicht an Jesus glaubt, glaubt, dass Gott ihn wegen seiner Sünden verurteilen wird.
Glaube ich an die Vergebung der Sünden oder an ihre Bestrafung!

Vor diese Entscheidung stellt die Verkündigung der frohen Botschaft jeden, der sie hört: Wer glaubt, wird gerettet, der ist schon gerettet!

Wer nicht glaubt, geht – jedenfalls in seinem eigenen Glauben – dem Gericht entgegen und der Verurteilung für seine Sünden.

Wer glaubt wird gerettet, wer nicht glaubt, wird verurteilt werden –  Das ist also vor allem eine Einladung zum Glauben an die Versöhnung und an die Erlösung und an die Barmherzigkeit Gottes.

Wenn nun aber jemand tatsächlich nicht an die Vergebung der Sünden glauben kann oder will? Ist ihm damit das Urteil gesprochen?

Schwestern und Brüder, ich persönlich glaube für mich: Wenn Gott einen Menschen nicht wegen seiner Bosheit richtet, sondern ihm seine Sünden und seinen Mangel an Liebe vergibt,
dann wird Gott auch nicht einem Menschen sagen: Nun, du wolltest nicht an meine Barmherzigkeit glauben – also wirst du meine Strenge erleben.

Ich glaube, dass Gott barmherzig ist – dass es sein Wesen ist, barmherzig zu sein – gegenüber wem auch immer.

Ich glaube aber auch, dass die Menschen, die auf der Erde gebeugt wurden, aufgerichtet werden und dass die, die andere niederdrückten ihre Macht über andere verlieren werden.

29. April 2012: 4. Sonntag in der Osterzeit

Hier geht es zu den liturgischen Texten

„Ich bin der gute Hirt“ sagt Jesus – obwohl er nie Schafe gehütet hat. Jesus vergleicht sich mit einem guten Hirten.
„Wie ein guter Hirt zu den Schafen ist, so bin ich zu euch!“ – so könnte man seinen Satz interpretieren.

Was macht einen guten Hirten aus?
Er kennt seine Schafe! Er sorgt für seine Schafe! Er setzt sein Leben für seine Schafe ein!

Den guten Hirten zeichnet aus, dass er seine Schafe wirklich kennt und dass er sie voneinander unterscheiden kann. Er gibt ihnen Namen und kann sie beim Namen rufen. Die Schafe wiederum kennen seine Stimme und seine Gestalt und folgen ihm. Können wir diese Vorstellung auf Jesus übertragen?

Jesus kennt unser Leben genau. Er kennt es noch besser als ein Hirt das Leben der Schafe kennt: der Hirt lebt zwar mit den Schafen – ab er sieht die Welt mit den Augen des Hirten.
Jesus hat nicht einfach als Gott mit uns gelebt, sondern er hat unser Leben mit uns geteilt. Er kennt Schmerzen, er weiß was Hunger ist, Enttäuschung und Jubel und alles andere, was zum Menschen gehört, hat er selbst er‑lebt.

Gott kennt jeden einzelnen von uns ‑ genauer als wir selbst uns kennen, weil er in uns lebt. Er ist das Leben in uns. Sagen wir ruhig, dass Gott in unserer Seele lebt und dass er unsere Gedanken von innen kennt – sogar die Gedanken und Wünsche kennt, die uns nicht einmal bewusst werden.
Wir wiederum kennen Jesus und unseren himmlischen Vater. Wir kennen es genau, wenn er in unserer Seele zu uns spricht – in unserem Gewissen. Und wir spüren genau, dass er uns das sagt, was gut ist und zum Leben führt. Wir bleiben auf dem Weg des Lebens, wenn wir auf Gottes Stimme hören.

Der gute Hirt sorgt für seine Schafe: er führt sie an gute Weide­plätze, zum frischen Wasser und zu sicheren Ruheplätzen.
Was sind die guten Weideplätze, zu denen Jesus uns führt? Die frischen Quellen und die sicheren Ruheplätze?
Nahrung für unser Leben schenkt uns Jesus durch seine frohe Botschaft: er weist uns den Weg. Er gibt uns Mut und Hoffnung.
Doch das stärkste Lebensmittel, das Jesus uns gibt ist die Liebe seines himmlischen Vaters, der er selbst unerschütterlich vertraut. So macht er uns fähig, genau der Liebe Gottes zu vertrauen. Wir dürfen wissen: ich bin von Gott geliebt – das ist Jesu Lebenselexier für uns. Besonders in der Messfeier empfangen wir es immer neu. Davon können wir leben. In diese Liebe können wir uns fallen lassen und finden in ihr Frieden und Ruhe.

Das dritte Merkmal des guten Hirten ist, dass er sein Leben für die Schafe hingibt.
In der Zeit Jesu waren wilde Tiere für Schafe eine echte und reelle Bedrohung. Und dem Hirten blieb nicht viel anderes übrig, als unmittelbar gegen diese wilden Tiere zu kämpfen und so die Schafe vor ihnen zu schützen. In diesem Kampf musste der Hirt sein eigenes Leben einsetzen.
Ebenso mutig hat Jesus sein Leben für uns eingesetzt und hat uns vor unserem größten Feind verteidigt: Unser größter Feind ist das Misstrauen. Dass wir Gott nicht mehr vertrauen, weil uns etwas schlimmes zustößt oder weil uns jemand etwas böses antut oder weil wir meinen, es würde uns besser gehen, wenn wir die Liebe zu uns selbst über die Liebe zum Mitmenschen stellen.

Jesus hat das Misstrauen überwunden: weder Feindschaft, noch Schmerzen noch die Versuchung der Macht haben ihn von seinem weg abgebracht. Unerschütterlich hat er der Liebe seines Vaters vertraut – bis zur Hingabe seines Lebens am Kreuz.
So ist er unser Erlöser und Heiland geworden. Unser Retter und Befreier. Er ist wahrhaftig unser guter Hirt. Auf seine Stimme wollen wir hören. Sein Vertrauen, sein Friede ist in uns lebendig und strahlt aus in die Welt.

22. April 2012: 3. Sonntag der Osterzeit LJ B

Hier geht es zu den liturgischen Texten

Ich versuche mich zu erinnern, wann ich gesagt habe: „Das gibt’s doch nicht!“ – ich glaube, es war, weil mir jemand etwas völlig unglaubliches erzählte. – Obwohl ich keinen Grund zum Misstrauen hatte, konnte ich nicht ohne weiteres nicken und die Nachricht zur Kenntnis nehmen: „Das gibt es doch nicht!“

Das ein Toter aufersteht und Menschen erscheint – nicht im Traum, nicht in einer Vision, nicht als un-toter Geist, sondern real und wirklich und lebendig – das gibt es doch nicht! So etwas hat man ja noch nie gehört!

Das Lukasevangelium will den Leser und Hörer der Auferstehungs-botschaft keineswegs in die Irre zu führen, indem es übertrieben drastisch die Körperlichkeit Jesu darstellt – so als ob Jesus in unser irdisches Leben zurückgekehrt sei – mit all seinen Bedingtheiten und seiner Erlösungsbedürftigkeit.
Das merke ich daran, dass auch in dieser Ostergeschichte Jesus plötzlich da ist – keiner weiß woher. Danach übrigens führt er seine Jünger nach Bethanien und wird wie Lukas sagt „vor ihren Augen zum Himmel erhoben!“

Lukas beschreibt keine historischen Ereignisse, die man fotografisch dokumentieren könnte. Lukas verkündet den Auferstehungsglauben der Christen – und der ist jedenfalls ganz anders als sonst in der Antike:
Wer von Gott auferweckt wird wie Jesus,  ist keineswegs der Geist eines Toten, der Menschen erschreckt;
er ist auch nicht eingesperrt in ein Totenreich, in dem eben alles tot ist und aus dem es kein Entrinnen gibt;
er ist aber auch nicht mehr irdisch – sondern gehört der göttlichen Welt an!
Das Leben in der göttlichen Welt aber ist die Zukunft des ganzen Menschen – nicht nur einer leiblosen Seele: der ganze Mensch mit seiner ganzen Geschichte, mit all seinen Erfahrungen wird zum Himmel erhoben – der Mensch, der sich von Fleisch und Brot ernährte!

Auf Anhieb mag dieser Glaube erschreckend sein, dass wir – so gut und böse, so wirkmächtig und bedürftig wir nun mal sind ‑ Eingang finden ins göttliche Leben!
Doch immer deutlicher zeigt sich auch, wie froh dieser Glaube macht.

Die Apostel konnten es vor lauter Freude nicht glauben, dass Jesus auferstanden ist – der Jesus, der gelitten hat und der mit ihnen gegessen hat. Der Auferstandene ist der Gekreuzigte und der Gekreuzigte ist der Auferstandene. Wir sind wirklich ganz und gar aufgehoben von Gott. Er ist unsere Zukunft – und alles, was uns zu unverwechselbaren und eindeutigen Menschen macht – das alles nimmt Gott in sich auf. Er ist uns nah und er hat Platz für uns – nicht im räumlichen Sinn, sondern im existentiellen Sinn: er bejaht uns und unser Leben! – ohne etwas weg zu lassen!

15. April 2012: 2. Ostersonntag

Hier geht es zu den liturgischen Texten:

die größte Sehnsucht der Menschheit ist …..? Was würden Sie darauf antworten?

Hat ein Straßenmädchen in einem Slum andere Vorstellungen von der Sehnsucht der Menschheit als ein Rentner in Deutschland?

Jeder wünscht sich, was für sein Leben am besten wäre.
Wenn ich aber nicht nur auf meine Lebenssituation sehe, sondern auf die ganze Welt, was ist die Sehnsucht der Menschheit?

Dass niemand hungern muss! Das kein Mensch einem anderen Böses tut? Dass es keine Katastrophen mehr gibt, die Menschenleben auslöschen? Dass die Krankheiten besiegt werden?

Können wir davon träumen, dass diese Geißeln der Menschheit besiegt werden?

Als Realist sage ich: Jedenfalls nicht solange die Welt sich kontinuierlich weiter entwickelt:
Solange es die Schwerkraft gibt, solange Luft und Wasser zum Leben nötig sind, solange das Leben die Wärme der Sonne braucht – solange wird es Hunger und Durst, Krankheit und Tod geben.
Solange der Mensch nach Besitz strebt und wir unterschiedliche Talente und Kräfte haben – solange wird es Neid geben und Streit, und ein Mensch wird sich gegen den anderen erheben.

Dennoch gibt es diesen Traum vom Paradies: den Traum von einem Leben, in dem die Geißeln der Menschheit besiegt sind.
Kann ich daran glauben? Kann man vernünftig daran glauben? Oder auch anders herum: Kann man vernünftig sein und nicht daran glauben?

Unsere Erfahrung zeigt, dass alles in dieser Welt ein Woher hat und auch ein Wohin. Es gibt nichts, für das es keine Ursache gäbe. Wie könnte dann die Welt insgesamt ohne Grund und Ursache sein?

Ebenso wissen wir, dass alles, was geschieht etwas bewirkt und zu etwas führt. Kann man sich denken, dass die Geschichte des Alls ins Nichts führt?

Schon die Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Frieden, nach Freiheit und Liebe ist ein Hinweis darauf, dass der Mensch und die Geschichte zu diesem Ziel hinstreben, auch wenn es nicht erreicht werden kann.

Dennoch: Ich möchte jetzt – in dieser Zeit – Gerechtigkeit und Frieden, Freiheit und Liebe erleben. Ich möchte die Geißeln des Lebens besiegen!
Davon redet der Johannesbrief: „Das ist der Sieg über die Welt (über die Geißeln der Menschheit): Dass wir glauben, dass Jesus der Sohn Gottes ist!

Dabei müssen wir uns über etwas im Klaren sein: Wir reden von göttlichen Dingen – und das in menschlichen Worten, die niemals das göttliche wirklich fassen können.
Der Johannesbrief bezeichnet Jesus als „Sohn Gottes“, weil er Jesus ganz nahe und untrennbar mit Gott verbunden sieht. Wie eng, das zeigt dieser Gedanke: „Wer den Vater liebt, liebt auch Christus, der von ihm kommt – und wer Christus liebt, liebt auch den Vater, der ihn in diese Welt gesandt hat!“ Wir zeigen, dass wir den Vater lieben und Jesus, der vom Vater gekommen ist, indem wir seine Gebote halten!

Im Johannesevangelium gibt es nur ein Gebot: Liebe! Die Liebe zum Vater zeigt sich in der Liebe zu den Menschen.

Wer an Jesus glaubt, so dürfen wir sagen, der nimmt seine Berufung an, die Liebe zu leben;
der hat die Geißeln der Menschheit besiegt, weil er der Unwahrheit, dem Neid, dem Egoismus, der Gewalt keinen Raum gibt und weil er auch im Unglück an die Liebe des Vaters glaubt – so wie Jesus selbst.

Thomas, von dessen Glauben wir im Evangelium hörten, ist also der Urtyp von uns Christen, weil er vor Jesus – der ausgezeichnet ist durch seinen Kreuzestod ‑ niederfällt und bekennt: „Mein Herr und Mein Gott!“

Könnte jemand dies bekennen und nicht zugleich den Vater Jesu lieben und sein Gebot halten?

8. April 2012: Ostersonntag

Die Osterkerze ist das ganz besondere Symbol des Osterfestes. Entzündet wurde sie am lodernden Feuer, abends vor der Kirche
Das Licht erleuchtet die Dunkelheit und selbst am Tag verbreitet es einen warmen, hellen und glänzenden Schein.
Die Osterkerze verkündet:
Christus ist das Licht der Welt, weil er der Liebe den Vorzug gege­ben hat: der Liebe zu seinem himmlischen Vater und der Liebe zu den Menschen.
Dabei blieb er ‑ selbst als man ihn anklagte und zum Verbrechertod am Kreuz verurteilte.

Deshalb ist die Osterkerze mit einem Kreuz geziert – das macht sie eindeutig: Es ist das Licht Jesu, des Gekreuzigten, das sie darstellt und verbreitet.

Zugleich verkündet dieses Licht, was wir von ihm glauben:  dass Gott ihn auferweckt hat vom Tod.

Denn dass die Toten auferstehen zum ewigen Leben – das hat Jesus immer geglaubt und gelehrt.
Wenn ich an Jesus glaube, glaube ich auch an seine Auferstehung und an die Auferstehung aller, denen Gott seine Barmherzigkeit schenkt.

Diese Kerze verkündet also Christus, der das Licht des Lebens in sich hat. Er war in einer Welt der Angst vor Gott und seinem Gericht ein helles Licht. Er hat Vertrauen geschenkt und geweckt, dass Gott den Menschen leibt, wie eine Mutter und ein Vater ihr Kind.

Heute bei der Taufe wird eine Kerze an der Osterkerze entzündet. Diese Kerze wird als Taufkerze Lucia durch ihr Leben begleiten.
Lucia empfängt in der Taufe das Licht Christi. Sie hat Anteil an Christus, sie ist Gottes geliebtes Kind!
Sie gehört für immer zu Gott, sie hat das Leben von Gott empfangen und wird in Gott leben – auch wenn sie einmal sterben wird.

Mit ihrer Taufe beginnt der Weg im Licht des Glaubens an Jesus Christus. Das ist ein Weg der Hoffnung und der Zuversicht, ein Weg der Freude über das Leben und ein Weg der begleitet ist von der Liebe Gottes, die wir in so vielen Dingen und Ereignissen erkennen können.
Im Licht dieser frohen Zuversicht darf Lucia leben und – das ist das zweite, was nicht übersehen werden darf, wenn wir nachdenken über die Taufkerze und ihren Sinn:

Lucia soll und darf selbst anderen Menschen Licht bringen:
Als Baby tut sie das von selbst: wenn sie ihre Eltern anstrahlt,
wenn sie jeden Tag etwas neues lernt
und alle sich an ihr und über sie freuen.

Besonders wir erwachsene Christen aber sind befähigt und berufen, anderen Menschen Licht zu sein: durch die Hoffnung, die wir ausstrahlen; durch die Solidarität und Hilfe, die wir anderen erweisen; durch das Vertrauen, das uns trägt; durch die Kraft, die in uns ist.
Wir dürfen und können Licht für andere sein, weil und je mehr das das Licht Christi in uns leuchtet.

Liebe Eltern und Paten, ganz besonders ihnen, die sie heute Lucia taufen lassen, lege ich das ans Herz: Geben sie Christus einen festen Platz in ihrem Leben. Leben sie in seinem Licht – es ist ein Licht das Hoffnung und Freude bringt. Lucia soll von ihnen lernen können, in diesem Licht zu leben und sie soll das Leben anderer hell machen durch ihren Glauben und ihre Liebe.

Samstag, 07. April: Feier der Osternacht

Der helle Lichtschein lässt fast vergessen, dass nur ein kleiner Rest von einem Licht übriggeblieben war.
Die Jünger waren aus Angst Jesus alleine gelassen, ohne Freunde ging er seinen Weg nach Golgota.

Die einen machten sich aus dem Staub und verließen Jerusalem.
Die anderen sperrten sich ein.

Frauen – die vielleicht nicht so sehr Ziel von Verfolgung waren – hielten aus unter dem Kreuz und wussten, wo sein Grab zu finden war.
Doch auch sie waren überzeugt, dass Jesus gescheitert war – sie wollten den Leichnam salben, wie es sich gehört.

Nein, da war keine Hoffnung mehr! Da war nichts übrig geblieben von der galiläischen Begeisterung.

Diese Depression und Enttäuschung der Jünger Jesu und aller, die bei ihm waren, steigert das Markusevangelium in seiner ursprünglichen Fassung bis an die Schmerzgrenze: Es endete mit dem Satz:
„Da verließen sie das Grab und flohen; denn Schrecken und Entsetzen hatte sie gepackt. Und sie sagten niemand etwas davon; denn sie fürchteten sich.“
Da fragt sich der Leser: wie kam es aber dann, dass dennoch die Auferstehung Jesu verkündet wurde und ich jetzt zu einer großen Gemeinschaft von Glaubenden gehöre?

Dass Menschen anfangen, die Ideen, die Gedanken, die Lehre, die Taten eines Gekreuzigten zu verbreiten – das war nach dem Karfreitag gewiss nicht anzunehmen.

Der Osterglaube scheint angefangen zu haben wie ein Holzfeuer, das an der Glut des vergangenen Abends entfacht wird:
Ein kleines Flämmchen zuckt auf – als die Frauen zum Grab gehen: Jesus hat gesagt, er werde zum Vater gehen. – Aber sie wagen es nicht zu denken, geschweige denn zu sagen.
Zwei laufen weg und während sie miteinander klagen und jammern – unverhofft die Gedanken: das musste ja so kommen, der Karfreitag ist doch eher ein Beweis als die Wiederlegung Jesus und seiner frohen Botschaft.
Die anderen hatten sich ratlos und trostlos eingesperrt – und waren von sich selber überrascht, als sie plötzlich anfingen den Kreuzestod Jesu nicht als Ende, sondern als Anfang zu verstehen.

Flämmchen um Flämmchen zuckte, bis daraus ein großes Feuer wurde.  Ein Feuer, das die Jünger aber nicht selbst angefacht hatten.

Auf einmal brannte es so stark, dass man sich daran wärmen konnte.
Die Glut, an der sich das Feuer entzündete, war Jesus selbst und sein „für euch“. Die Liebe, die in ihm war – die Liebe zu seinem himmlischen Vater und zu seinen Jüngern – das ist die Glut, die niemand zum verlöschen bringen kann.

Wir haben unsere Kerzen am Feuer entzündet und singen und beten in ihrem hellen Schein. Das Feuer das in Jesus war, seine Liebe und Hingabe, seine Freude und Lebendigkeit, sein Feuer hat uns ergriffen und wir sind ausgesandt, das Licht in der Welt zu verbreiten. Nämlich seine Botschaft, die Jesus in Wort und Tat verkündete und lebte:
Ihr seid Gottes geliebte Kinder! Ihr gehört zu Gott und lebt in ihm und werdet in ihm leben.
Dieses kleine letzte Glut, das „Für euch“ Jesu bringt mich zum Glauben:

Jesus ist auferstanden, wie er gesagt hat! Halleluja!
Er lebt beim Vater und auch wir werden leben! Halleluja!
Der Tod ist überwunden. Die Liebe hat den Sieg errungen. Halleluja!