11. März 2012: 3. Fastensonntag

Hier geht es zu den liturgischen Texten:

Die 10 Gebote – sind so etwas wie das Urgestein der Lebensregeln, die ein Christ – ob evangelisch oder orthodox oder evangelisch – kennen und einhalten sollte. Tatsächlich ist es der Mühe wert, sie auswendig zu können.

Die 10 Gebote – werden als Grundlage des Zusammenlebens angesehen – auch von Menschen, die Gottesdiensten meistens fern bleiben.

Die Achtung vor dem Leben des anderen und seinem Besitz,
die Treue in der jetzigen Partnerschaft,
der familiäre Zusammenhalt, die Ehrlichkeit
gelten auch heute als Pfeiler im Zusammenleben der Menschen.

Zu den 10 Geboten gehört aber auch:

Du sollst keine anderen Götter neben mir haben!
Du sollst den Namen Gottes nicht missbrauchen.
Gedenke des Sabbats – halte ihn heilig.

Es hat einen tiefen Sinn, dass zuerst geregelt wird, wie sich der Mensch zu Gott verhalten soll. Noch bevor es um das Verhalten der Menschen zueinander geht, wird das Verhalten des Menschen zu Gott geregelt.

Martin Luther sagte: „Das was Dir am wichtigsten ist, der Mittelpunkt deines Lebens – das ist eigentlich dein Gott!“

Tomas Morus sagte: „Herr lass nicht zu, dass ich mir allzu viele Sorgen mache um dieses sich breit machende etwas, das sich ich nennt!“

Im Vater Unser beten wir zuerst: „Vater, geheiligt werde dein Name, dein Wille geschehe!“

Das wichtigste Gebot spricht zuerst von der Liebe zu Gott und dann von der Liebe zum Mitmenschen.

Das Alte und das Neue Testament und die christliche Tradition setzen das Verhalten zu Gott und das Verhalten der Menschen zueinander in eine ganz enge Beziehung –
Es gehört zusammen wie innen und außen, wie vorne und hinten, wie Anfang und Ende.

Der Mensch wird dadurch keineswegs sich selbst entfremdet.
Er wird nicht klein gemacht oder für unbedeutend erklärt.

Gott, so sagen wir, ist vollkommen eins mit sich. Er ist die Fülle und das Leben selbst.  Er hat es nicht nötig, von uns geehrt zu werden, damit es ihm „gut“ geht.

Mein Glaube sagt mir:
Wenn ich Gott ehre, dann werde ich nicht mich selbst über andere stellen.
Wenn ich Gott ehre, dann werde ich niemandem einen Schaden zufügen.
Wenn ich Gott ehre, dann werde ich das Wohl des anderen erstreben – genauso sehr, wie mein eigenes.
Wenn ich Gott ehre – mache ich auch den Menschen groß, weil er Gottes Geschöpf ist – und nicht ein unbedeutendes Staubkorn im Universum.

Allen aber, die es sich zur Aufgabe gemacht haben,  andere Menschen zur Verehrung Gottes anzuhalten.
Den Menschen, die anderen Gottes Wort und Gebote verkünden und auslegen sollen und wollen,
Den Menschen, die stellvertretend für Gott die Stimme erheben,

Diesen Menschen ist die Geschichte der Tempelreinigung eine Mahnung:
Wir sind immer in Gefahr, statt Gottes Willen und Ehre unsere eigenen Vorstellungen und Bedürfnisse zu vertreten.
Wir sind gefährdet, statt Gottes Sache und Gerechtigkeit unsere eigenen Interessen zu vertreten.

Jesus Christus hat für sich selbst reinen Tisch gemacht: er sagte: reißt diesen Tempel nieder – damit meinte er seinen Körper, seinen Leib.
Er sorgte sich nicht um sich selbst. Er sorgte sich allein darum, dass sein himmlischer Vater in dieser Welt wieder zu ehren kommt – als der, der niemals aufgehört hat, mit seiner schöpferischen Liebe die Erde und den Menschen und jedes Leben ins Sein zu rufen.

Er verdient Vertrauen und Gehör – wenn wir ihn ehren, machen wir auch den Menschen groß.

04. März 2012: 2. Fastensonntag

Hier geht es zu den liturgischen Texten

Manchmal stellen Jugendliche einander vor sogenannte Mutproben – hin und wieder mit entüwrdigenden Forderungen. Sie sind die Bedingung dafür, dass jemand dazu gehören darf.

Nicht Abrahams Mut wird auf die Probe gestellt, sondern sein Glaube – so sagt es jedenfalls das Buch Genesis, das von Abraham, dem Stammvater des Glaubens erzählt. – Es ist mühsam aufzuhellen und zu erklären, wie diese dunkle Geschichte in die Bibel kam: Wann ist sie entstanden? Wozu wurde sie erzählt? Welche Botschaft hörten die Israeliten heraus?

Mir jedenfalls erscheint es absonderlich, dass Gott – wenn auch nur zum Schein – von Abraham seinem treuen Knecht verlangt, er solle seinen Sohn opfern.  Auch wenn diese Geschichte kein historisches Erlebnis Abrahams und Issaks ist – wie kommt man auf eine solche Idee?

Allenfalls tröstet einem, dass Abraham letztendlich aufgehalten wird. Auf dem Berg hört Abraham Gottes Stimme: Tu deinem Sohn nichts zuleide!“ Gott will nicht, dass ein Vater seinem Kind etwas zu Leide tut. Gott will nicht, dass ein Mensch gegen einen anderen die Hand ausstreckt.

Gott will das Leben des Menschen – nicht seinen Tod!
Das ist auch das Versprechen an Abraham: Menschen, die alles von Gott als Geschenke annehmen, die ihm nichts vorenthalten, die auf Gott hören und in allem seinen Willen tun – Menschen wie Abraham werden zahlreich sein wie die Sterne am Himmel.

Abraham Sohn Isaak wurde nicht geopfert!
Paulus hingegen prägt den Satz: „Gott hat seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben.
Der Mensch soll Gott vertrauen wie Abraham, dass Gott das Leben will.

Gott will nicht, dass ihm ein Mensch geopfert würde! Doch Gott selbst handelt anders: Er sendet seinen Sohn zu den Menschen damit er ihnen Versöhnung verkündet. Er heilt die Kranken, vergibt den Sündern  und befreit die Menschen von den sie quälenden Geistern. –  Gott schenkt dem Menschen sein Heil, sein Leben, seine Herrlichkeit – das ist seine Botschaft.

Gott lässt zu, dass die Menschen seinen Sohn wegen dieser Botschaft verfolgen, gefangen nehmen, ihn foltern und töten.
‑ Würde er es verhindern, würde er sein unbedingtes Ja zum Menschen zurücknehmen.
Paulus meditiert: Mit seinem Sohn gibt Gott uns alles – Alles, das heißt das Größte, was ein Mensch erhalten kann: das ewige Leben in Gottes Herr­lichkeit. Der Mensch hat Anteil an Gottes Ewigkeit. Er ist ein Teil von ihr.

Diese biblischen Texte sind dem Leben weniger fern, als wir denken:

Wir denken immer noch, Gott verlange uns Opfer ab – auch wenn wir uns dagegen verweigern.
Wir denken immer noch, Gott verlange etwas von uns, damit er unseren Glauben sieht – auch wenn wir das dennoch nicht tun.
Wir denken immer noch, wir müssten mit Gott handeln.

Es ist ganz anders:
Gott gibt uns alles. Er gibt uns das Leben und die Erde auf der wir leben.

Wenn wir erkennen, dass Jesus Gottes Angebot an uns ist, wenn wir Jesus glauben, dass Gott uns sein Leben schenkt, wenn wir auf ihn hören, in dem der Himmel zu uns gekommen ist,
– dann ändern wir unseren Blick.

Wir fragen nicht mehr: Wie viel muss ich geben?
Worauf muss ich verzichten?
Was muss ich tun, um Gott zu gefallen?

Wir werden Jesus ähnlich und fragen:
Wie kann ich deine Not lindern?
Wie kann ich dir nahe sein? Wie kann ich dich trösten?
Denn du bist Gottes Kind.

22. Februar 2012: Wortgottesdienst zum Aschermittwoch

Bedenke Mensch, du bist Staub und zum Staub kehrst Du zurück!
Das hört sich nicht gerade schmeichelhaft an! Ich möchte gerne Ansehen genießen, ich möchte Anerkennung erfahren für meine Bemühungen, ichmöchte wenigstens ein bisschen Bedeutung haben und etwas leisten: Und dann: Du bist Staub! Zum Staub kehrst Du zurück!

Ohne Zweifel: Ich ernähre mich von der Frucht der Erde!  Auf eine höchst verwunderliche und erstaunliche Weise sind die Pflanzen dazu in der Lage durch komplizierte Prozesse die Erde in wertvolle Nährstoffe umzuwandeln. Nährstoffe, die von unserem Organismus wiederum verwertet werden, so dass wir wachsen und leben.
Ohne Zweifel: Wenn unser Organismus aufhört lebendig zu sein, dann werden wir zurückverwandelt zu dem Staub der Erde, sowie das unser Organismus mit all den Nährstoffen tut, solange wir leben.
Ohne Zweifel: Ich bin Staub und zum Staub kehre ich zurück.

Aber freundlich ist der Satz nicht. Was gibt es da zu bedenken? Wozu soll ich darüber nachdenken?
Diese einfache und so wenig schmeichelhafte Einsicht holt mich vom Sockel herunter. Vom Sockel meiner Einbildungen, ich wäre etwas besonders oder gar etwas Besseres.
Nein: Ich bin zusammengesetzt aus Erdenstaub und ganz und gar abhängig, von Nahrung, Licht, Wärme und Wasser. Ohne all das, was die Erde und andere Menschen mir geben, könnte ich nicht leben.

Ich bin ein Teil dieser Erde! Und deshalb möchte ich dem Grundsatz folgen: „Einer schätze den anderen höher ein als sich selbst.“ Diese Erde, die Atmosphäre, das Wasser, die Lebewesen, die mit mir auf der Erde leben und die Mitmen­schen verdienen meine Achtung, meinen Respekt und meine Ehrfurcht.

Das ist ja alles wahr, bin ich versucht zu denken, aber, dennoch:  was ich daraus mache, aus all dem, was die Erde und die Menschen mir geben, dass kann sich doch sehen lassen. Nur wenige leisten so viel wie ich. Nur wenige wissen so viel wie ich. Nur wenige haben so viel wie ich.

Dem steht der Satz entgegen: Zum Staub kehrst du zurück. Am Ende werde ich wieder zum Teil dieser Erde. Wie schnell verblasst die Erinnerung? Das Leben geht weiter – zum Glück. Es wird Menschen geben, die auf dem weiterbauen, was ich versucht habe. Man wird vieles auf die Seite schieben und anders und besser machen und können. Mein Organismus zerfällt zu Staub.

Ich werde mir bewusst: Was immer ich auch leiste und schaffe und mir erwerbe: Ansehen, Verdienste, Leistung und Vermögen: Am Ende wird es nicht mir, sondern anderen gehören. Anderen, die so wie ich zu Staub zerfallen werden.

Das alles sind, wären sehr betrübliche und überflüssige Gedanken Doch aus der Asche wird ein Kreuz gezeichnet. Die Hinfälligkeit, die Schmerzen, die Enttäuschungen, die Vergänglichkeit. Die Beschränktheit meiner Möglichkeiten schmerzen mich –sie sind mein Kreuz.
Durch das Kreuz Christi aber kommt Hoffnung in mein erlebtes Kreuz und Leiden. Die Botschaft Jesu für uns ist: „Jetzt ist sie da, die Zeit der Gnade! Lasst euch mit Gott versöhnen!“
Jesus, auf den ich mich verlasse, hebt meinen Blick empor: von der Erde, von der Asche zum Himmel. Nicht das, was ich hier habe und besitze, ist das Ziel! Dies alles vergeht. Das Ziel ist der Himmel, also das Leben in Gott.

Was du auch tust – tu es nicht, damit du dir auf der Erde Ruhm und Besitz erwirbst, denn wenn zum Staub zurückgekehrt sein wirst, wird es dir nichts helfen. Denke bei allem was du tust daran, dass du dem Leben dienst.
All das, was du aus Achtung und Liebe für andere getan hast, all das sieht Gott und all das wird mit dir in Gott lebendig und kostbar sein.
Kein Wort, das tröstet und ermuntert, keine Tat, die hilft und heilt, ist vor Gott vergeblich, sondern in ihm hat dies alles Bestand, weil all das dem Leben dient, das von Gott kommt und das Gott ist.

19. Februar 2012: 7. Sonntag im Jahreskreis

Die liturgischen Texte

Versuchen Sie einen Moment in die Rolle des Gelähmten und seiner vier Freunde zu schlüpfen. Mit großem Aufwand und das Aufsehen aller erregend kommen sie zu Jesus. Die ganze Hoffnung ist: Wird Jesus mich heilen? Und dann: „Deine Sünden sind dir vergeben!“

Sind meine Sünden wirklich das wichtigste Problem für Jesus? Sieht er nicht, dass mich die Krankheit viel mehr niederstreckt?

Was habe ich schon für Sünden? Was habe ich für Sünden?

Eine gute Frage. Habe ich überhaupt Sünden?  Gibt es überhaupt Sünden?

Stellen wir einmal eine andere Frage: Habe ich manchmal ein schlechtes Gewissen? Und wofür? Da fällt mir eher etwas ein.

Haben diese Dinge, wegen denen ich ein schlechtes Gewissen habe, nichts mit Gott zu tun? Habe ich nur einem Menschen gegenüber ein schlechtes Gewissen? Oder auch Gott gegenüber?

Gott gegenüber brauche ich doch kein schlechtes Gewissen haben, denken manche, weil Gott ja bekanntlich alles verzeiht.
Prompt sind wir wieder am Anfang: insgesamt bin ich doch ein guter Mensch – vor Gott jedenfalls.
Wenn ich so denke, würde ich an der Stelle des Gelähmten sagen: „Ich brauche keine Sündenvergebung, ich brauche Heilung!“

Es geht hier um etwas ganz zentrales, um elementares, existenzielles in unserem Glauben: Wie definiere ich meine Beziehung zu Gott?
Ist er nur meine universale Versicherung, der sich verpflichtet hat, mir nach dem Tod ewiges Leben zu schenken?
Oder ist dieser Gott auch ein Du in diesem Leben, ein Du, gegenüber dem ich für mein Leben verantwortlich bin – sowie ich gegenüber anderen Menschen Verantwortung trage für mein Tun und Lassen.

Gott hat uns ins Leben gestellt. Sein Auftrag ist, dass wir dieses Leben annehmen und dem Leben dienen – so dienen wir auch Gott.
Wenn wir uns dem Leben verweigern, wenn wir uns selbst oder anderen Schaden zufügen, dann verstoßen wir gegen den Auftrag Gottes an uns: dem Leben, also ihm zu dienen.

Wenn wir sagen, dass wir keine Sünden haben, dass wir uns vor Gott nichts vorwerfen müssen, leugnen wir zugleich, dass Gott einen Anspruch an uns hat.

Wenn wir ein schlechtes Gewissen haben – wofür auch immer –  dann für ein Unterlassen oder Tun, durch das wir dem Leben geschadet haben, einem anderen oder uns selbst.
Wenn wir ein schlechtes Gewissen haben, werden wir uns über uns selbst bewusst: ich bin zu wenig einfühlsam gewesen, ich bin zu grob gewesen, ich habe mich der Verantwortung entzogen, …

Dieses Defizit an Menschlichkeit in uns, diese Verweigerung gegenüber dem Leben, diese Sünde heilt Gott, so dass wir uns wieder aufrichten können und im Strom des Lebens bleiben können.

Markus sagt: Jesus, der Menschensohn hat die Vollmacht, auf Erden Sünden zu vergeben.  Wir dürfen ihn uns zum Vorbild nehmen:
Wenn wir einander vergeben, entsteht neue Beweglichkeit, neues Miteinander, Frieden und Leben.

12. Februar 2012: 6. Sonntag im Jahreskreis

Hier geht es zu den Tageslesungen:

Was soll ich als Leser des Mk.Ev. mit dieser und all den anderen Wundergeschichten anfangen? Können sie mir etwas sagen und bedeuten? Kann ich sie einfach übergehen und auf sich beruhen lassen?
Aber immerhin ist das Evangelium Gottes Wort – wir verehren es fast so ehrfürchtig wie die eucharistischen Gaben, in denen Jesus sakramental gegenwärtig ist. Das Evangelium ist unsere maßgebende Quelle für den Glauben an Jesus, den Sohn Gottes, der uns befreit und erlöst hat.  Also versuche ich mich langsam der Geschichte zu nähern.

Zunächst möchte ich einfach den Text richtig verstehen:
Es geht um einen Menschen mit Aussatz. Aussatz ist nicht nur die Lepra Erkrankung. Vielerlei Hautveränderungen wurden als Aussatz deklariert. Ein „Aussätziger“ war ausgeschlossen vom Tempel – von Gott. Er war wie tot.  Hat Jesus den Aussätzigen geheilt? Wovon genau? Wie?
Auf der naturwissenschaftlichen Ebene finde ich keine Antwort darauf.
Doch der Evangelist gibt einen Hinweis: „Werde gereinigt!“ Diese Passiv Form deutet darauf hin, dass für Markus die Reinigung des Mannes Gottes Werk ist – durch Jesus vollbracht.

Ich möchte gerne noch weiter in die Geschichte hinein gehen. Und ich möchte sie ebenfalls dazu einladen. Wir können die Position des distanzierten Betrachters verlassen und uns mit einer der Personen identifizieren.

Zieht es sie zu den Jüngern Jesu, die dabei standen? Wenn sie Andreas wären – was würden sie denken?
Sind sie verwundert, dass Jesus sich über das Gesetz hinweg setzt und einen Unreinen berührt. Staunen sie über die Reinigung des Mannes?
Sind sie seltsam davon berührt, dass Jesus den Mann so harsch anredet, dass er niemand erzählen soll, durch wen er rein wurde?

Oder sie gehen an die Stelle der Priester am Tempel in Jerusalem, die die Reinigung feststellen und hören, wie es geschehen ist.
Fragen stehen im Raum: Wer ist dieser Jesus? Wieso hat er den Mann berührt? Was traut er sich? Warum hält er sich nicht an das Gesetz? Warum konnte er den Mann vom Aussatz befreien? Und warum hat er ihn doch zu uns geschickt, damit er das Dankopfer darbringe?

Sie können auch die Stelle der Verwandten und Angehörigen und der Nachbarn des Mannes einnehmen: Wie nehmen sie die Nachricht von der Heilung auf? Skeptisch abwartend, ob es wirklich von Dauer ist? Froh und dankbar, dass der Mann wieder gesund ist und wieder am Leben teil­nehmen kann? Sind sie neugierig auf den Mann, der ihn rein machte? Oder ärgert sie die Unruhe, die durch das wunderbare Ereignis entsteht?

Sie könnten auch die Stelle des Mannes einnehmen: Sie könnten dieses Vertrauen teilen: wenn du willst, kannst du machen, dass ich rein werde. Wovon möchte ich gereinigt, befreit werden, damit ich das Leben in mir spüre? Von meiner Traurigkeit? Von meinem Jähzorn? Von meiner Resignation? Unter welchen körperlichen oder seelischen Beschwerden leide ich? Kann ich diese meine kleine oder große Not Gott anvertrauen? Traue ich ihm zu, dass er mir helfen kann?

Und schließlich – vielleicht erscheint es ihnen zu gewagt: Sie könnten auch die Stelle von Jesus einnehmen. Ein Mensch kommt. Er ist in Not. Halte dich fern von ihm – sagt die gesellschaftliche Regel. Habe ich Mitleid mit den Menschen und dem, was ihr Leben einschränkt und schwer macht? Traue ich mich, den Menschen nahe zu kommen? Sie zu berühren? Traue ich mich, mich anders zu verhalten als die anderen?
Traue ich mir zu, einem Menschen zu helfen, der in seiner Not vor mir steht?

Welches ist ihre Rolle in der Geschichte? Jede hat ihren Reiz. Jede hat ihre besondere Bedeutung. Entscheidend ist aber, dass wir es mit Jesus zu tun bekommen, dass wir ihm begegnen und uns von ihm herausfordern lassen – zum Glauben an Gottes Nähe und Kraft.

5. Februar 2012: 5. Sonntag im Jahreskreis

Hier geht es zu den Lesungen:

Welcher Vorwurf ist der Schlimmste, den man Christen machen kann?
Der schlimmste Vorwurf ist der, der die Überzeugungskraft des Glaubens im Kern erschüttert. Ihr tut selber nicht das, was ihr predigt.
Ihr redet vom Heil, aber ihr schafft Unheil.

Bei Jesus stimmt beides zusammen: Er verkündet: „Nahe gekommen ist das Reich Gottes“ und durch sein Handeln macht er es für jeden sichtbar:
Er heilt die Menschen und befreit sie von den bösen Geistern, die den Menschen unfrei machen.

Seine Lehre fasziniert die Menschen. Und ihre Gültigkeit wird in den Heilungen sichtbar!

Als Jesus mit dem Tod rang – festgenagelt an das Kreuz – witzelten seine Feinde: Wenn er wirklich Gottes Sohn ist, dann soll er doch vom Kreuz heruntersteigen.
Sie verspotteten ihn, weil sie glaubten zu beweisen, dass Jesus eben keine göttliche Macht hat. Heute begegnet Jesus Christus immer wieder der gleiche Vorwurf: „Wenn er wirklich Gottes Sohn wäre, wenn das Reich Gottes wirklich bei uns wäre, dann dürfte es 2000 Jahre nach Jesus all das schrecklich Unheil nicht mehr geben: weder die Verirrungen und Boshaftigkeiten und Verirrungen der Menschen – noch die anderen schrecklichen Dinge, die so viel Unheil anrichten wie Epidemien, Erdbeben und Stürme.“
Wenn er wirklich das Reich Gottes gebracht hätte – dann wäre er nicht am Kreuz gestorben, dann wäre die Erde von allem Unheil befreit.

Wenn jemand es so sehen möchte, wenn jemand vom Unheil in der Welt so gebannt ist, dass er nichts anderes sehen kann, dann wird man ihn nicht zum Glauben bewegen können.

Ich persönlich habe Achtung vor der Sehnsucht nach einer heilen Welt?
Man kann über all dem Unglück wirklich traurig werden. Man kann sogar den Glauben an Gottes Macht verlieren.
Ijob sagt: „Nie mehr schauen meine Augen das Glück!“ Nie mehr: weder hier noch dort.
In dieser Welt ist das Reich Gottes ist nicht verwirklicht, es ist nicht Gegenwart. So schaut es aus.

Wie kann ich trotzdem glauben, dass es mitten unter uns ist? Dass es nahe ist und Gegenwart?
Wie kann ich glauben, was Anselm Grün glaubt, dass Gottes Kraft den Menschen heilt? Dass Jesu Weg wahr ist.
Wie kann ich an das Heil glauben, das Gott schenkt – dem anderen und mir? Gibt es Argumente für das Reich Gottes – mitten in dieser Welt?

Ich möchte in zwei Schritten antworten:

Zuerst schaue ich nicht nur auf das Unheil, sondern ich schaue ebenso auf das Heil in dieser Welt: Menschen erleben Glück, sie erfahren Liebe und lieben, Unheil wird überwunden. Diese Welt ist eine Welt voller Leben, voller Hoffnung und voller Freude. Die Spuren von Gottes Macht sind überall zu finden.

Man mag mir nun entgegenhalten:  Das ändert aber nichts an Unglück, das Menschen erleiden.

Dieser Einwand bringt mich zum zweiten Schritt: Ja, es ist meine Sache, ob ich eher dem Leben traue und seiner Macht  oder meine, der Tod habe das letzte Wort.

Solange aber ein Mensch mit einem anderen teilt.
Solange ein Mensch einen anderen aufrichtet.
Solange ein Mensch die Kraft sich zu ändern und gut zu sein.
Solange ein Menschenkind das Lächeln seiner Mutter erwidert.
Solange glaube ich, dass Gottes Macht in dieser Welt stärker ist.

Wie kann ich an das Heil glauben? Habe ich gefragt. Wie geht das?  In dem ich an meinem Platz anfange, zu heilen, zu stärken, zu trösten,  und einem Menschen gut zu tun.

Eines der neueren Glaubenslieder drückt genau aus, was ich meine:

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer
ein Stein, daraus wird noch kein Haus
die Knospen sind noch nicht die Blüten
ein Wort, was richtet das schon aus?

Doch kommt der Sommer mit den Schwalben
aus den Steinen wächst so manches Haus.
Es blüh’n bald überall die Bäume,
Ein Wort, das richtet Frieden aus.

Ein Kömchen füllt noch keine Kammer,
ein Tropfen fällt auf heißen Stein.
Was kann den einer schon erreichen?
Die Hand rührt sie sich nicht allein?

Und dennoch ist etwas geschehen,
denn steter Tropfen höhlt den Stein.
Die eine Hand greift in die and’re.
Im Körnchen kann die Wahrheit sein.

In unsrer Mitte sieht man Zeichen,
dass Gottes Herrschaft bricht herein.
Er will durch uns die Welt erneuern
und allen Menschen Zukunft sein.

29. Januar 2012: 4. Sonntag im Jahreskreis

War es wirklich ihre freie Entscheidung, jetzt in die Kirche zu gehen, oder folgten sie nur einem inneren Zwang,
der durch Erziehung, durch ihre Glaubensentscheidung, durch die kulturelle Prägung, durch ihren Gehorsam gegenüber dem Sonntagsgebot zustande kommt?

Vor einigen Jahren ergab sich ein Gespräch mit einem Pastoralreferenten, mit dem ich in einem Kurs zusammen war: Wie frei sind wir Menschen eigentlich? Mein Kollege behauptete: Wir meinen frei zu entscheiden, aber eigentlich setzen wir nur unsere inneren Bestimmungen in einer konkreten Situation in Handeln um.

Ich muss zugeben: Das ist nicht von der Hand zu weisen. Viele unserer täglichen Handlungen und scheinbaren Entscheidungen sind bei weitem nicht so frei, wie es äußerlich scheinen mag.

Und doch kennen wir Freiheit. Sie ist zum Beispiel in unserer Verfassung als Grundrecht festgeschrieben: Jeder hat das Recht auf freie Berufswahl, freie Meinungsäußerung, auf Religionsausübung, sich zu bewegen usw.

Manchmal machen wir auch ganz bewusst von unserer Freiheit Gebrauch: Wenn wir uns entscheiden, uns zu verändern, wenn wir neue Werte entdecken, wenn wir Werte in den Vordergrund rücken, die bisher mehr im Hintergrund standen.
Manchmal ist es einfach nur schwer zu entscheiden, welche Entscheidung die richtige ist – um das Ziel zu erreichen, das wir gewählt haben und das unser Handeln bestimmt.

Unsere Freiheit ist bedingt von vielen Umständen und auch die Weite unserer Entscheidungsmöglichkeiten – unsere Macht ist begrenzt.

Nach diesen Überlegungen schaue ich noch einmal auf den Abschnitt des Evangeliums. Es handelt von einem Mann, der von einem unreinen Geist besessen, beherrscht war.
Ein Mann, der also nicht Herr über sich selbst war, sondern Dinge tat, die er nicht tun wollte; nicht er, sondern ein „Geist“ bestimmte sein Tun.
Was immer das genau sein mag: es kann eine Krankheit sein, oder das, was die Bibel einen Dämon nennt. Jedenfalls ist die Freiheit dieses Mannes extrem eingeschränkt, weil er von etwas anderem als seinem Willen bestimmt wird – von innen her. Schrecklich muss das sein!

Aber kenne ich das nicht auch?
Ich weiß genau, dass es besser wäre diesen Satz nicht zu sagen: aber ich kann nicht anders. Er muss aus mir heraus.
Ich lasse mich treiben und tue alles Mögliche nur nicht, was ich mir vorgenommen habe.
Obwohl ich Wahrheit und Hilfsbereitschaft als große Werte schätze, sage ich: „Ich habe jetzt keine Zeit!“ – weil ich keine Lust habe.

Was schränkt meine Freiheit ein?
Meine Freiheit für andere da zu sein.
Meine Freiheit zur Solidarität.
Meine Freiheit, mir Zeit zu nehmen für das Gebet.
Was fesselt mich?

Jesus scheint große Macht zu besitzen:  Er scheint mit seiner Botschaft von Gott die Macht zu haben, mich von dem zu befreien, was mich davon abhält, das zu leben, was ich bin:
Gottes Kind zu sein    – Wollen Sie das?

22. Januar 2012: 3. Sonntag im Jahreskreis

„Die Zeit ist erfüllt!“ ruft Jesus – Ich kenne diesen Satz – ich weiß nicht mehr wie lange. Aber: was bedeutet es, wenn die Zeit erfüllt ist?
Ist die Wartezeit abgelaufen? Etwa wie bei einem Gefangenen, der auf seine Freilassung wartet? Oder ist die Zeit der Bewährung bestanden – wie bei der Bewährungszeit in einem neuen Dienstverhältnis? Warum jetzt und nicht schon früher oder erst morgen?

Die Zeit ist erfüllt! Jedenfalls tritt damit der Entscheidende auf den Plan und etwas neues beginnt:
Ein Glück für die, die darauf gewartet haben, die es erwartet haben, die es ersehnt haben.
Überraschend für die, die ahnungslos waren.
Ein Schrecken für die, die es kommen sahen und die es am liebsten aufgehalten hätten.

„Nahe gekommen ist die Königsherrschaft Gottes!“
Das ist ein Schrecken für die Machthaber dieser Erde, wenn Ihnen die Macht genommen wird, die Menschen zu beherrschen.
Macht ist an sich nichts negatives. Wer Macht hat, kann etwas vollbringen, etwas schaffen.
Nur, wer seine Macht gegen seine Schwestern und Brüder – und das sind wir Menschen letztendlich – einsetzt, der missbraucht seine Macht.
Wer anderen wegnimmt, was ihnen gehört.
Wer sie zu etwas zwingt, gegen ihren Willen.
Wer andere demütigt, um selber groß dazustehen.

Menschen, die sagen: man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen, sind schwierig zu beherrschen und zu regieren. Sie lassen sich nicht manipulieren, sie haben ein eigenständiges Empfinden für Gut und Böse, sie behalten ihre Freiheit – auch wenn sie ins Gefängnis gesperrt werden. Beispiele dafür gibt es schier ohne Zahl.

Die Königsherrschaft Gottes ist nahe!
Mit dieser Botschaft zog Jesus durch Galiläa – damit erklärt das Evangelium schon ganz am Anfang: Die Botschaft von der Königsherrschaft Gottes, die Botschaft vom Heil, das Gott schenkt, vom Frieden und von der Versöhnung muss verkündet werden – damit die Menschen umkehren und glauben.
Aus dem gleichen Grund ruft Jesus Simon und Andreas, Jakobus und Johannes zu sich, damit sie mit ihm diese Botschaft verkünden – das Wort von den Menschenfischern unterstreicht dies: Die Jünger Jesu sollen die Botschaft verkünden und Menschen für die Königsherrschaft Gottes gewinnen.
Christen befolgten von Anfang an Jesu Beispiel und verkündeten das Evangelium in den Synagogen, auf den Marktplätzen und überall, um andere zum Glauben einzuladen. Dazu sendet Jesus uns in die Welt zu den Menschen. Christen sind missionarisch!

Das kann eine Last sein: Missionare werden nicht immer gerne gehört, werden als lästig und aufdringlich empfunden und deshalb gemieden – wie Werbestände in der Fußgängerzone.

Größer aber ist der Vorteil dieser christlichen Eigenart: Christen sind keine abgekapselte, verschworene Geheimbruderschaft. Sondern Christen sind offen für die Begegnung, sind aufgeschlossen für die Freuden und Sorgen, Für die Ängste und Hoffnungen der Menschen – so formulierten es die Bischöfe auf dem 2. vat. Konzil.

Wir sind mitten in dieser unserer Gesellschaft und sind ein Teil von ihr. Mitten in der Gesellschaft beteiligen wir uns als Christen an der Suche nach Antworten auf die Herausforderungen der Zeit.
Unsere christlichen Bildungsangebote sind deshalb ein wichtiger Teil unseres Engagements: Wir vergewissern uns immer wieder neu über unseren Glauben und wir lassen uns ein auf die Fragen der Zeit und auf die Gedanken unserer Mitmenschen.
So sind wir in der Lage, dass wir die Menschen immer wieder einladen, an die Botschaft von Gottes Herrschaft zu glauben und deshalb das Leben, die Freiheit, die Gerechtigkeit, die Wahrheit und die Liebe an die erste Stelle zu setzen.

15. Januar 2012: 2. Sonntag im Jahreskreis

Was hat einen Evangelisten vor 1900 Jahren bewegt, den Anfang der Jesus Bewegung auf diese Weise darzustellen? Aus welchem Grund machte sich überhaupt jemand daran über Jesus, sein Leben und Sterben zu schreiben und zwar in der Form eines Zeugnisses über diesen Mann!
Er teilt uns den Grund mit in dem, was er über Jesus sagt – besser, was er von Jesus bekennt: Er ist das Lamm Gottes – Er ist der Messias, der Gesalbte!
Das Evangelium verkündigt von Anfang bis Ende nichts anderes als genau dies! Die Absicht ist: den Glauben an Jesus als Messias bei den Jüngern Jesu zu stärken und denen, die noch keine Jünger Jesu sind, diesen Glauben zu verkünden.
Dahinter steht also keine berechnende Absicht, von Menschen, die sich die Geschichte JEsus irgendwann ausgedacht haben, sondern der ehrliche und überzeugte Glaube der Jünger an Jesus aus Nazareth, der vor 2000 Jahren in Israel auftrat und das Reich Gottes verkündete: die Versöhnung von Gott und Mensch und das ewige Leben. Dabei ist die Überlieferung dieser Evangelien historisch nachzuvollziehen über die ganze Zeit hinweg. Wir lesen das Evangelium, das vor 1900 Jahren verfasst wurde.
Da Jesus aber kein Lehrsystem entwickelt hat und anders als später Mohammed kein Buch schrieb, kann es nur diese Form des Zeugnisses geben: die Erinnerung an Jesu Handeln und Reden.
Wer weiß, wie Jesus handelte und welche Geschichten er erzählte und wie er von seinem himmlischen Vater und vom Himmelreich sprach, der lernt ihn kennen und kann an ihn, den Messias Gottes, glauben.
Sie, liebe Kirchenbesucher, drängt es sie, Jesus als Messias zu verkünden? Drängt es sie zu bezeugen: „Er ist das Lamm Gottes!“?
Glauben sie, dass Jesus der Messias ist, der uns rettet aus Sünde und Tod?
Schnell möchte ich sagen:  Selbstverständlich glaube ich -. Sonst wäre ich nicht in der Kirche!
Ja, im Gottesdienst tun wir in etwa das, was von den beiden Jüngern gesagt wird: wir gehen mit Jesus, um zu sehen, „wo er wohnt“ und bleiben eine Stunde lang bei ihm.
Nehmen wir etwas mit? Passiert etwas mit uns in dieser Stunde, die wir bei Jesus sind und sehen, wo er bleibt? Gehen wir anders heim, als wir gekommen sind?

Ich hoffe, dass wir nicht nur frierender oder hungriger oder gar gelangweilt von hier weggehen.
Ich hoffe dagegen, wir sind gestärkt in dem Glauben, dass Gott unser Vater ist, der uns als seine Kinder liebt. Verankert in der Überzeugung, dass Gott in dieser Welt bei den Menschen ist und dass sich seine Leben schaffende Liebe in allem Lebendigen zeigt.
Ich hoffe, dass wir wieder Kraft dafür schöpfen, aus der Liebe zu Gott zu handeln und aus Liebe zu den Menschen:
Ich hoffe, wir gehen wie die Jünger von hier weg und erzählen unseren zuhause gebliebenen Verwandten und Nachbarn: Wir haben den Messias gefunden.
Wir haben ihn gefunden, der unseren Geist und Verstand in die Höhe hebt; der uns aufrichtet, damit wir uns nicht in der Sorge um unsere täglichen Bedürfnisse nach Nahrung und Wärme verlieren.
Wir haben ihn gefunden, der unseren Horizont weitet, so dass wir erkennen, wofür es sich anzustrengen lohnt:
Letztendlich, damit die Liebe mehr wird, damit Gott das sagen hat in dieser Welt.