Das christliche Menschenbild – Bernhard Suttner referiert

Das christliche Menschenbild
steht oft im harten Widerspruch zum Zeitgeist;
immer ist es als  Maßstab zur Beurteilung aktueller Entwicklungen in Gesellschaft, Pädagogik, Wirtschaft und Politik nützlich.

Referent: Diplompädagoge Bernhard Suttner

Zeit: Dienstag, 1. Februar 2011 um 19.30 Uhr

Ort: Josefssaal, Kreuzgasse 24

 

 

 

Veranstalter: Pfarrgemeinderat Herz Jesu
Sachausschuss Erwachsenenbildung

16. Januar 2011: 2. Sonntag im Jahreskreis

In jeder Messfeier zitieren wir beim Brechen des Brotes Johannes und beten: Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünde der Welt.

Das Johannesevangelium und die Offenbarung des Johannes sprechen von Jesus als dem Lamm Gottes. Hier, mit dem Mund Johannes des Täufers. Später, als Jesus gekreuzigt wird, geschieht dies nach dem Johannesev. zu der Stunde, als die Lämmer für das Paschamahl geschlachtet werden. Die Offenbarung des Johannes verwendet das geschlachtete Lamm als Symbol für Jesus, der gekreuzigt wurde.

Warum das Lamm? Das Evangelium spielt damit auf das Pascha­lamm an, das die Juden schlachteten, um an den Aufbruch aus Ägypten zu erinnern. Am Vorabend schlachteten die Israeliten ein einjähriges, fehlerfreies Lamm. Das Blut des Lammes, an den Türpfosten wurde zum Zeichen dafür, dass sie zum Volk Gottes gehören, das seinen Weg in die Freiheit beginnt.

Das Johannesevangelium bringt Jesus mit dem Lamm in Verbin­dung, weil es eine Antwort sucht: eine Antwort auf die Frage, was der Kreuzestod Jesu zu bedeuten hat. Warum musste der Sohn Gottes, der erfüllt war von Gottes Geist, warum musste er den Tod am Kreuz erleiden?

Zunächst, weil er den Zorn der führenden Israeliten auf sich zog. Weil er ihnen Angst machte, Weil sie meinten, dass er ihre Autorität untergräbt und damit die Ordnung und die Religion für die sie stehen.

Jesus starb diesen Tod, weil er die Vergebung der Sünden verkündete und den Sündern im Namen Gottes die Sünden vergab.
Er starb, weil er verkündete, dass das Reich Gottes unter den Menschen ist, also nicht von den Priestern und Schriftgelehrten verwaltet wird.

Sein Tod hat also eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Tod des Paschalammes, dam Symbol des Aufbruchs aus der Sklaverei in die Freiheit.

Jesus steht für die Freiheit – für die Freiheit der Kinder Gottes, die nicht der Vermittlung durch die Priester bedurfte.

Er steht für die Freiheit von der Sünde: denn Jesus erklärte die Sünder zu Kindern Gottes, die er mit Gott versöhnt.

Sein Blut wurde vergossen und damit wurde er, Jesus, zum Zeichen des Neuen Bundes. Eines Bundes zwischen Gott und Mensch, der unauflösbar ist, zu dem Gott bedingungslos steht.
Die Menschen könnten Lämmer ohne Zahl töten – dadurch werden die Sünden der Menschen nicht weniger.

Jesus ab er befreit die Menschen von der Last der Sünde, weil er verkündet: Gott liebt den Menschen – ohne Einschränkung und ohne Bedingung. Gott liebt den Menschen, weil sein Geist in ihm ist, seine Lebenskraft, seine Kraft zu lieben.

Nicht das Opfer eines Lammes befreit die Menschen, sondern Jesus Christus. Deshalb ist Jesus das Lamm Gottes: er, den die Menschen ihrer Ordnung, ihrer Macht, ihrer Angst geopfert haben.

Schwestern und Brüder,
Jesus soll nicht umsonst, nicht vergeblich sein Blut vergossen haben: glauben wir ihm und seiner Botschaft. Glauben wir ihm so, als ob Gott selbst gesprochen hätte.

Wenn wir ihm glauben, dann ist sein Geist in uns.
Es ist der Geist Gottes. Es ist die Liebe zum Leben, zum Friede, zur Versöhnung.

Es ist der Geist der uns frei macht, frei von allem, was unsere Liebe einschränkt und hindert – ob von außen oder von innen.

Jesus tauft uns mit dem Heiligen Geist – oder mit einem anderen Satz aus dem Johannesevangelium gesprochen: Allen, die an ihn glauben, gibt er die Macht Kinder Gottes zu sein. Amen.

09. Januar 2011: Taufe Jesu

Herr Heiko Müller empfängt heute das Sakrament der Taufe zusammen mit der Firmung und der Eucharistie.

Für mich ist es ein Anlass, mir selbst wieder einmal Rechenschaft zu geben: Was bedeutet es mir selbst getauft zu sein?

Gerade, weil ich mich – anders als Herr Heiko Müller ‑ ja nicht für die Taufe gemeldet habe, sondern als Kind bald nach der Geburt getauft wurde, muss ich mir diese Frage immer wieder stellen.

„Ich bin getauft“ heißt für mich „ich gehöre dazu!“

Ich gehöre dazu: augenscheinlich zur Kirche, zu den vielen Menschen in der Kirche, zu meinen Eltern, Geschwistern, Verwandten, Freunden! Ich stehe nicht draußen, sondern gehöre dazu.

Die Kirche ist Gemeinschaft im Glauben an Jesus Christus, sie ist Volk Gottes. Sie ist der Raum, in der ich Jesus kennen und lieben lernte; sie ist die Gemeinschaft, in der ich Gott danken darf für mein Leben und für die Befreiung in Christus.

Die Kirche ist so etwas wie meine Familie, die mir Geborgenheit schenkt, auch wenn ich mich oft über sie ärgern muss.

„Ich bin getauft“ heißt für mich „ich gehöre dazu!“

Ich gehöre zu Jesus Christus! Christus ist der Mittelpunkt, das Warum und Wozu; die eigentliche Antwort auf die Frage nach der Taufe.

Mich fasziniert seine Botschaft vom Reich Gottes das unter den Menschen ist;, ‑ wichtige Sätze, die mich begleiten, die mir bedeutend sind: Sorge, selig die Barmherzigen, damit eure Freude vollkommen wird;
Wer an mich glaubt, hat das ewige Leben!
Ich verurteile dich nicht! Geh hin und handle danach!

seine Zuwendung zu den Menschen, die Lasten tragen,
sein Protest gegen die Menschen, die anderen im Namen Gottes lasten auferlegen;
seine Bereitschaft für alle einzustehen, die zu ihm gehören und auf ihn hören.

Manchmal verstört mich sein Tun, seine Botschaft,
vor allem aber befreit er mich: Er öffnet mir einen schier unendlichen Raum, frei von Angst und Zwang, frei mich dem Leben zuzuwenden und dem Mitmenschen Liebe zu zeigen.
Er befreit mich von jedem Hindernis der Liebe – je mehr ich mich ihm öffne. Er befreit mich zu einem Leben in Vertrauen, Hoffnung und Liebe.

„Ich bin getauft“ heißt für mich „ich gehöre dazu!“

Ich gehöre zum Vater im Himmel!
Das ist ja die eigentliche Botschaft, die Jesus gebracht hat, die Hauptsache seiner Botschaft:
Er macht mir klar, dass es nichts gibt, was zwischen mir, zwischen jedwedem Menschen und Gott steht.
Jeder Mensch hat die Freiheit, sich Gott zuzuwenden;
Jeder Mensch ist in gleicher Weise von Gott mit Leben und Geist beschenkt;
Jeder Mensch ist ihm wertvoll und wichtig!
Und so sehr Gott jenseitig ist und für sich vollkommen;
So sehr ist Gott auch mitten in dieser Welt, in und bei jedem Menschen – besonders bei denen, die unter körperlichen oder seelischen Schmerzen oder unter anderen Menschen zu leiden haben.

Die Evangelien schreiben: Jesus wird als Gottes Sohn geoffenbart;
Jesus sagt: „Ich und der Vater sind eins.“ Das Johannesevangelium verkündet: „Allen, die an ihn glauben, gab er Macht. Kinder Gottes zu werden!“

Das bedeutet es mir getauft zu sein:
Ich bin Gottes geliebtes Kind!
Dies ist die Grunderfahrung, die mir Christus schenkt, zu dem ich durch die Taufe gehöre in Gemeinschaft mit allen, die den Glauben mit mir teilen und mit mir Kirche, Volk Gottes, sind.

1. Januar 2011: Neujahr

Ich wünsche ihnen ein gesegnetes neues Jahr!
Wie wird man Gottes Segen erkennen?
Woran merken wir, dass Gott und segnet und woran würden wir merken, wenn Gott uns seinen Segen verweigert?

Segnet Gott nur die gesund sind und bleiben?
Segnet Gott nur die, die ein sicheres Einkommen haben?
Segnet Gott nur die, die in Frieden und Harmonie leben können?

Es ist wunderbar, wenn einem das gegeben ist – aber:
in jedem Augenblick können wir erkranken, auch vor Armut und Streit ist niemand sicher.

Unser Messias, der den Namen „Jesus = Gott rettet“ trägt, war weder reich – Feindschaft Verfolgung und Streit gehörten zu seinem Leben bis er schließlich als Verräter und Staatsfeind zum Tod verurteilt wurde.
Und doch ist er zum Segen der Menschheit geworden – gerade durch sein leidvolles Sterben und durch seine Auferstehung!

Wer ist also von Gott gesegnet und wodurch?

Was wünsche ich Ihnen, wenn ich Ihnen Gottes Segen wünsche?

Bei allem Realismus bleibe ich dabei:
Ich wünsche Ihnen, dass es ihnen gut gehen möge: an Körper und Seele, das sie sich um Essen und Trinken, um Kleidung und Wohnung keine Sorgen machen müssen.

Wir beten ja, nach Jesu Vorbild und Ermutigung, jeden Tag:
„Unser tägliches Brot gib uns heute! Und auch: „Erlöse uns von dem Bösen!“

Doch möchte ich Gottes Segen nicht darauf begrenzen.
Nein, Krankheit kann ich nicht als Gottes Segen begreifen, aber auch in der Krankheit kann ich Gottes Segen erkennen:
In den Menschen, die mir zur Seite stehen ‑ aber vor allem: in einem inneren Trost und Frieden, der auch in der Krankheit erhalten bleiben und manchmal sogar neu gefunden werden kann.

Dieser innere Frieden wird getragen vom Vertrauen auf Gott, der mich und mein Leben in Händen trägt.
Dieses Vertrauen drückt der schlichte Satz aus:
„Du kannst nicht tiefer fallen als in die Hände Gottes!“

Gesegnet sind die Menschen, die so auf Gott vertrauen können. Denn dieses Vertrauen gibt ihnen Kraft, sich und ihr Leben in die Hand Gottes zu legen und Gottes willen zu tun:

Auch darum beten wir im Gebet des Herrn:
„Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden!“

Dein Wille geschehe durch mich! In schlechten Tagen, ist es Gottes Wille, dass ich ihm auch dann vertraue. Dass ich an Morgen glaube und dass es gut werden wird; dass ich das meine tue, damit es gut weitergehen kann. Es ist Gottes Wille, dass ich die Hilfe, die mir angeboten wird annehme. Gerade in schweren Zeiten kann zwischen den Menschen, die durch Hilfe verbunden sind ein tiefes Band der Liebe wachsen.

Theresa von Avila hat einige hilfreiche Sätze geprägt, die lauten:

Nichts soll dich ängstigen, nichts dich erschrecken.
Alles geht vorüber. Gott allein bleibt derselbe.
Wer Gott hat, der hat alles. Gott allein genügt.

Ich wünsche ihnen also Gottes Segen: alles Gute in dieser Welt.
Dass sie in guten Tagen Gott danken und auf ihn hören,
der uns immer ermutigt, das Gute zu teilen.

Ich wünsche ihnen Gottes Segen,
dass sie auch in schweren Zeiten ihm Vertrauen,
der alles zum Guten führt.
Alles geht vorüber: Schmerz und Glück.
Gott aber bleibt derselbe: das Leben in allen Geschöpfen.

Der größte Segen ist also er selbst: sein Leben, seine Kraft ist in uns. Durch ihn und in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir: Gott ist in uns und wir werden wieder in ihm sein – und Gott allein genügt! Dass Gott mit ihnen sei und sie mit Gott! Das wünsche ich Ihnen.

31. Dezember 2010: Messe zum Jahresschluss

der Silvesterabend hat auf jeden Fall einen besonderen Reiz:

Die Repräsentanten halten feierliche Reden: sie stellen die Bürger auf die Herausforderungen ein, sprechen ihnen Mut zu. Sie rühmen das Erreichte und bedauern die schlimmsten Ereignisse des vergangenen Jahres.

Freunde und Verwandte essen und trinken zusammen und versuchen einen heiteren, netten Abend zu gestalten.

Gegen Mitternacht werden Sektflaschen geöffnet und man wünscht sich ein gutes neues Jahr.

Viele gehen um Mitternacht auf die Straße und lassen es krachen. Der Nachthimmel wird von bunten Ornamenten erleuchtet.

Was ist mir an Silvester wichtig? Ich möchte das alte Jahr im Frieden beschließen und das Neue gut beginnen:

Das alte Jahr im Frieden beschließen?
Da denke ich an so manches, was noch im Unfrieden ist:

Industrie und Wirtschaft haben das Jahr als Krisenjahr begonnen – es ist ein starkes Jahr geworden: Selbst das Loch in den Staatskassen wuchs nicht gar so sehr, wie befürchtet.

Aber: die Einkommen der Arbeitnehmer sind eher kleiner gewor­den; die hälftige Aufteilung der Kosten für das Gesundheits­system zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern wurde aufgegeben. ‑ Die Zeche für die Unersättlichkeit der Spekulanten und für ihre Selbstüberschätzung und Ignoranz tragen die kleinen Leute.

Der Abstand zwischen Reichen und Armen wird größer und größer. Die Personen mit geringem Einkommen werden immer mehr und die Bezieher von durchschnittlichen Einkommen werden weniger.

Den Menschen, die immer mehr ins Abseits geraten, weil ihr Einkommen zu gering ist, weil ihre Krankheit sie an die Grenzen bringt, ihnen gilt das Wort:

ich bin bei den Zerschlagenen und Bedrückten,
um ihren Geist wieder aufleben zu lassen /
und das Herz der Zerschlagenen neu zu beleben.

Das alte Jahr im Frieden beschließen: da fällt mir als Pfarrer unweigerlich ein, welch unglaubliche Verbrechen in diesem Jahr aufgedeckt wurden: in kirchlichen Häusern haben jahrzehntelang nicht wenige Priester und Ordensleute und kirchliche Beschäftigte junge Menschen sexuell missbraucht und geschlagen.

Es genügt nicht, hinzuweisen, dass diese Verbrechen auch in anderen Kreisen – vielleicht noch häufiger ‑ begangen werden;
es genügt auch nicht, die Täter zu verurteilen und sie aus dem kirchlichen Dienst zu entfernen und straffällige Priester aus dem Klerikerstand zu entlassen.
Dadurch wird die Unschuld der Kirche nicht wieder hergestellt.

Es gab und gibt in der Kirche Strukturen, die solche Verbrechen begünstigten:
Das ist zum einen die Selbstdarstellung der Priester und Ordens­leute als unanfechtbare Gottesmänner und -frauen, die über jeden Verdacht erhaben scheinen: Um den guten Ruf zu schützen, wurden die Täter geschont und die Opfer im Stich gelassen.

Zum anderen wird die Autorität in der Kirche zu stark betont: Der Einzelne – an welcher Stelle auch immer – soll seinen Vorgesetzten gehorchen: Kritik am Verhalten und an den Inhalten wird im Keim erstickt. Fragen und in Frage stellen gilt als lästig und störend.
Manche an unterer Stelle wollen aber auch ihre Macht spüren – wenigstens gegenüber den Kindern, deren Vorgesetzte sie sind: Schläge und sexueller Missbrauch sind dann die übelsten Spitzen in den Auswirkungen einer allzu autoritären Führungsstruktur.

So erinnere ich mich an das vergangene Jahr 2010. Ich will meinen Frieden machen, denn immerhin: die Zerschlagenen haben in diesem Jahr eine Stimme bekommen. Das Treiben der Mächtigen wurde bekannt und die Defizite können nicht mehr unter den Teppich gekehrt werden.

Doch was die Menschen in Kirche und Gesellschaft 2010 plagt, darf nicht einfach im Jahr 2011 weitergehen:

Wohl mahnt Paulus zu Güte, Demut, Milde, Geduld und zur Vergebung. Dann aber redet er uns zu Herzen und schreibt:

„Vor allem aber liebt einander, denn die Liebe ist das Band, das alles zusammenhält und vollkommen macht.
In eurem Herzen herrsche der Friede Christi!

Diese Liebe kann nicht heißen, dass alles so bleibt wie es ist.
Im Gegenteil: Lieben heißt: Gerechtigkeit herstellen um des Mitmenschen willen. Denn ohne Gerechtigkeit kann kein Friede sein. Wenn Gott, der Größte und Vollkommene, seine Herrlichkeit mit uns teilt, uns gerecht macht und uns Vergebung gewährt,
dann haben auf der Erde besonders die Reichen die Pflicht, allen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und das von allen erwirtschaftete gerecht zu verteilen. Johannes Paul II forderte deshalb: „Die Arbeit muss Vorrang haben vor dem Kapital!“

Noch einmal: Den Armen, den Bedrückten, den Opfern von Macht und Gewalt ist Gott nahe. Er steht auf ihrer Seite, wie Christus mehr als deutlich machte!

Die Mächtigen, die Vorgesetzten in der Kirche und im Staat, die im Reichtum schwimmen, für den andere ihren Schweiß vergossen haben, sie sollen sich zu Herzen nehmen, was Jesus sagt:

Macht euch keine Sorgen um Essen, Trinken und Kleidung!
Wer sich um Reichtum und Besitz sorgt, zeigt, dass er nicht an den himmlischen Vater denkt.
Wer ihm vertraut, der sammelt nicht Schätze für sich, sondern sorgt für eine gerechte Verteilung der Werte unter den Menschen. Die Früchte werden dann sein: Friede und Vertrauen, Versöhnung und Freude.

Schwestern und Brüder! Ich bin der Meinung: Mit wem wir auch reden, wir dürfen nicht schweigen! Wer Fragen stellt und wer in Frage stellt, trägt mehr zum Frieden und zur Entwicklung bei, als wer Augen und Ohren und Mund verschließt.

26. Dezember 2010: Fest der hl. Familie

Heute morgen noch betrachteten wir das freundliche Bild der Hirten, die Maria und Josef wegen des neugeborenen Messiaskindes besuchten. Sie rühmten und priesen Gott für das, was sie gesehen und gehört hatten.

Im Matthäusevangelium, aus dem ich gerade vorlas, waren die Sterndeuter aus dem Osten, die ersten, die das Kind besuchten. Auch sie wurden von „sehr großer Freude erfüllt“.

Und nun das: Sie müssen fliehen. Das Kind hat einen großen Feind: den amtierenden König Herodes. Er trachtet dem Kind nach dem Leben.

Ich kenne das auch:
es gibt Stunden und Zeiten, da denke ich mir: es ist gut.
Ich bin mehr als zu frieden mit meinem Leben. Ich kann an mich glauben, dass ich wertvoll bin und dass es gut werden wird.
Ich habe das Gefühl, zu wissen, was ich will und dass ich es auch schaffen werde, mit meinen Mitmenschen in Frieden zu leben und in Ruhe das Meine tun zu können.

Aber dann: unverhofft wie aus dem Nichts: jemand stellt sich in den Weg, fordert etwas unmögliches, verhält sich feindselig oder mindestens unverständig, … Schon ist der Friede weg.

Ich zweifle an mir und meinen Mitmenschen. Ich weiß nicht mehr, wie ich mich verhalten soll. Ich kann nicht mehr sehen, dass es einen Ausweg gibt, so dass es doch wieder gut werden kann.

Bin ich überhaupt auf dem richtigen Weg?
Will ich nicht einfach alles hinwerfen? Etwas anders machen?

Auch der eigene persönliche Glaube kennt dieses auf und nieder, dieses hoch und tief.

Nicht immer nehme ich den Engel Gottes war, der mir den Weg weist, so wie das Evangelium es von Josef erzählt: „Nimm das Kind und seine Mutter und flieh nach Ägypten!“

Diesen Exilsaufenthalt der hl. Familie erzählt das Evangelium natürlich mit einer besonderen Absicht:

Schon einmal gab es einen ganz großen, einen aus Ägypten, der das Volk Gottes in die Freiheit führte: Moses
Als Moses geboren wurde, ließ der Pharao alle Jungen der Israeliten in den Nil werfen und töten, damit das Volk nicht zu stark würde.

Matthäus stellt Jesus mit dieser Geschichte neben Moses.
Jesus ist der „neue Moses“, der sein Volk befreien und retten wird.

Matthäus schreibt die Geschichte so, dass die hl. Familie zwar gezwungen ist, die Heimat zu verlassen:
Aber genau darin zeigt sich, dass der begonnene Weg fortgesetzt wird: Josef hört weiterhin auf die Stimme des Engels.
Das Kind Jesus wird von ihm angenommen, behütet und beschützt.
Er verlässt sich auf die Erfahrung, die das Kind weckt:
Es ist gut, dass ich lebe, Ich bin wertvoll.
Es wird gut werden.

Ich möchte mich und sie durch diese Geschichte ermutigen lassen:
dass wir auch in schwierigen Zeiten;
auch dann, wenn Enttäuschungen und Streitigkeiten an uns nagen;
dass wir auch dann festhalten an der Urerfahrung,
die das Kind ausstrahlt und die Jesus in seinem ganzen Leben verkündet hat:

Es ist gut, dass Du da bist! Du bist wertvoll!
Es wird gut werden!

25. Dezember 2010: Geburt Christi

Es war in Bethlehem im Morgengrauen. Der Stern be­gann zu verblassen, der letzte Besucher hatte den Stall verlassen, die Jungfrau Maria hatte das Stroh ge­ordnet, und das Kind begann endlich zu schlafen. Aber schläft man in der Weihnachtsnacht?

Sanft öffnete sich die Tür, man hätte denken können, dass eher ein Windhauch sie aufgestoßen hätte als eine Hand. Eine Frau erschien auf der Schwelle, mit Lum­pen bedeckt, so alt und so runzlig, dass ihr Mund in dem erdfarbenen Gesicht wie eine weitere Runzel schien.

Als Maria sie sah, bekam sie Angst; es war so, als wäre eine böse Fee eingetreten. Glücklicherweise schlief Je­sus! Der Ochs und der Esel kauten friedlich ihr Stroh und betrachteten die Fremde, die herankam, ohne die geringste Verwunderung, so, als kannten sie sie schon seit eh und je. Maria ließ sie nicht aus den Augen. Jeder Schritt, den sie tat, schien Jahrhunderte lang zu sein.

Die Alte schritt immer weiter voran, und jetzt war sie am Rand der Krippe angekommen. Gott sei Dank schlief Jesus immer noch. Aber schläft man in der Weih­nachtsnacht?

Plötzlich öffnete er seine Augen, und seine Mutter war ganz erstaunt, dass die Augen ihres Kindes und die Au­gen der Frau sich vollständig glichen und dass sie beide von derselben Hoffnung leuchteten.

Dann neigte sich die Alte über das Stroh, während ihre Hand in dem Gewirr ihrer Lumpen etwas suchte; es schien, als brauchte sie Jahrhunderte, es zu finden. Ma­ria schaute immer noch mit derselben Unruhe. Die Tie­re schauten auch, aber immer noch ohne Erstaunen, als ob sie schon im Voraus wüssten, was geschehen würde.

Endlich, nach langer Zeit, hatte die Alte aus ihrem Ge­lumpe einen Gegenstand gezogen, der in ihrer Hand verborgen war und den sie dem Kind übergab.

Aber was konnte dieses Geschenk bedeuten nach all den Schätzen, die die Weisen gebracht hatten, und nach all den Gaben der Hirten? Maria konnte es von ihrem Platz aus nicht sehen. Sie sah nur den vom Alter ganz gekrümmten Rücken der Frau, der sich noch mehr krümmte, als sie sich über die Krippe beugte. Doch der Ochs und der Esel, sie sahen, was es war, und immer noch verwunderten sie sich nicht.

Das alles dauerte sehr lange Zeit. Dann erhob sich die Alte, so als wäre sie befreit worden von einer sehr schweren Last, die sie gegen den Boden gezogen hatte.

Ihre Schultern waren nicht mehr gekrümmt, ihr Kopf berührte fast das Strohdach, und ihr Gesicht hatte wun­derbarerweise seine Jugendlichkeit wiedergefunden. Und als sie sich von der Krippe entfernte, um wieder zur Tür zu gehen und in dem Dunkel zu verschwinden, aus dem sie gekommen war, konnte Maria endlich se­hen, was für ein geheimnisvolles Geschenk es war.

Eva ‑ denn sie war es gewesen ‑ hatte dem Kind einen kleinen Apfel in die Hand gelegt, jenen Apfel der ersten Sünde (und der vielen, die folgten!), und der kleine rote Apfel strahlte in den Händen des Neugeborenen wie auch der ganze Erdball, der mit ihm neu geboren war.

 

Liebe Schwestern und Brüder,
zunächst hat mich diese Geschichte einfach nur angesprochen: eine schöne Idee, Eva als Besucherin an der Krippe ins Spiel zu bringen.

Dann fragte ich mich: stimmt es denn, was die Geschichte erzählt?

Ich finde: Ja! Genau das hat Jesus in seinem Leben vollbracht?
Er hat Gott und Mensch versöhnt. Er hat überwunden, was uns Menschen bedrückt: dass wir fern von Gott leben müssen, dass wir Krankheit und Tod erleiden müssen, dass Bosheit und Sünde unser Miteinander vergiften.

Wir dürfen zu Jesus, zu Gott, kommen, so wie wir sind: Von Schmerz, Enttäuschung und Schuld gezeichnet. Er nimmt uns an und richtet uns auf, so dass wir aufrecht und mit neuer – jugendlicher ‑ Kraft uns dem Leben zuwenden und ihm dienen können.

24. Dezember 2010 Christmette

Liebe Schwestern und Brüder!
Kaiser Augustus wurde von seiner Nachwelt gelobt und verehrt: Er begründete vom Jahr 27 vor Christus an eine 40 jährige Friedens­zeit für das römische Reich. Und das nachdem 100 Jahre lang immer neue Bürgerkriege das Land und Menschen geplagt hatten.

Augustus heißt auf Deutsch der Erhabene!

Ich muss das erzählen, weil ich deutlich machen möchte, welchen Anspruch das Lukasevangelium stellt: In der Szene, die das Evangelium entwirft, verkünden Engel den Hirten auf dem Feld:

Heute ist euch in Bethlehem der Retter geboren, der Messias, der Herr! Verherrlicht ist Gott in der Höhe und auf Erden Friede den Menschen, die seine Liebe annehmen können.

Das Evangelium verkündet und propagiert:
Nicht von Rom, von Augustus,
sondern von Jesus geht Friede aus!

Nicht Augustus ist der Herr, sondern Jesus.
Nicht der Kaiser wird verherrlicht – sondern Gott!

Retter und Herr – die römischen Kaiser ließen sich gerne so nennen – Das Lukasevangelium aber nennt ein kleines Kind so, von dessen Geburt die Welt seinerzeit keine Notiz genommen hatte. Über 30 Jahre später wird dieser Jesus vom römischen Staat provokativ jeder Ehre beraubt und nackt ans Kreuz gehängt werden – so nackt, wie jeder Mensch geboren wird.

Retter und Herr ist Jesus – verkünden die Engel den Hirten!

Die Geburtsgeschichte von Jesus ist einerseits ähnlich verfasst und stilisiert wie die Geburtsgeschichten anderer großer Persönlichkeiten in der Antike.

Zugleich aber ist sie das Gegenteil davon!

Denn hier sind die kleinen groß!
Hier wird nicht in einem Palast geboren, sondern in einem Stall!
Hier bewundern nicht die Mächtigen der Welt den neuen König, sondern das wandernde Hirtenvolk!

Dieses Kind also bringt der Welt den Frieden,
und den Menschen, die die Botschaft hören eine große Freude!

Der Friede ist ein Gottesgeschenk für die Menschen, die seine Liebe annehmen können und wollen.

Der Friede kann das Geschenk dieser Stunde sein, in der wir die Geburt Jesu feiern. Dieser Friede kann tief in unserem Inneren einziehen und uns erfüllen.
Es ist ein Friede, der uns von ihm geschenkt wird und der eine große Sehnsucht erfüllt. Er ist anders als der Friede, den wir in Verhandlungen manchmal erringen.

Der Friede breitet sich warm aus im Herzen.
Es ist die Gewissheit: es ist gut, dass ich lebe!
Es ist die Überzeugung: Es darf so sein, wie es ist!
Es ist das Erlebnis: ich bin wertvoll für andere.
Es ist die Zuversicht: Es wird gut werden!

Schwestern und Brüder,
schauen wir hin auf das Kind:
Es ist klein und schwach. Es ist nichts und kann nichts.
Und doch hat das neugeborene Kind diese Gewissheit, diese Überzeugung, diese Erfahrung und diese Zuversicht.

Und wir, die das Kind betrachten und in unser Herz schließen, werden mit hineingezogen in diesen Frieden. Dabei entsteht eine große Freude am Leben und über das Leben.

Schwestern und Brüder!
ein neugeborenes Kind verströmt diesen Frieden!
Jesu lädt uns ein, dass wir ihm folgen:
dass dieser Frieden in uns ist,
dass wir dieses Licht in uns behüten und bewahren,
dass diese Freude in uns bleibt und aus uns strahlt.