In den Evangelien wird es nach den beiden Geburtserzählungen von Matthäus und Lukas sehr still um die Mutter Jesu.
Johannes erwähnt sie überhaupt nur bei der Hochzeit von Kanaan und unter dem Kreuz. Die anderen drei Evangelien kennen nur eine Begegnung Jesu mit seiner Mutter. Als sie mit ihm reden wollte, sagte er: Wer den Willen meines Vaters tut, ist für mich Mutter und Bruder. Jedes Ev. erwähnt, dass Maria unter dem Kreuz Jesu steht.
Dennoch wird Maria in der kath. Kirche so außerordentlich verehrt. Es gibt dafür den einen wesentlichen Grund:
Maria ist die Mutter Jesu, der uns versöhnt und befreit hat.
Es ist keine Verminderung, wenn ich sage: Maria ist vor allem wichtig geworden und sie wird so stark verehrt, weil sie uns Katholiken – wie vielen anderen christlichen Konfessionen ein Symbol geworden ist: Sie ist – wie Abraham ‑ das Urbild eines Menschen, der ja sagt zu einer Berufung, die ganz und gar unerwartet ist:
Gott beansprucht sie, um mit ihrer Hilfe etwas Neues zu beginnen. Was geschehen wird, wie es sein wird, sie kann – wie einst Abraham, der in unbekanntes Land zog ‑ keine Vorstellung davon haben – doch sie hört auf Gottes Stimme in ihrem Herzen und ist bereit.
Maria – die Mutter Jesu – ist Urbild und Symbol für jeden Menschen, der wachsam in sich hinein horcht, damit er hört, was Gott mit ihm vor hat und von ihm will. Maria ist Symbol für jeden Menschen, der sein Leben von Gott „bestimmen“ lässt.
Durch und an Maria hat Gott unglaubliches gewirkt: Er ist Mensch geworden. Maria ist Symbol dafür, dass Gott durch und an den Menschen großes vollbringt und in ihnen Mensch, Fleisch werden will.
Weil Gott an Maria handelte und weil sie dazu ja sagt, ist Maria das Urbild der Kirche – also der Menschen, die an Christus glauben.
Christen sind Menschen, durch die und an denen Gott in der Welt handelt und die ihr Leben von Gott bestimmen lassen – jeder Einzelne und nicht weniger die Gemeinschaft der Christen.
Christen sind Menschen, die daran glauben, dass es nicht Zufall ist, was geschieht: was immer andere oder ich selbst in meinem Leben vollbringen – es geschieht nichts, was mich von Gott und seiner Liebe trennen könnte.
Letztendlich birgt er mein Leben in seiner Hand. In den Menschen, die mir in seinem Geist begegnen und auch in den Geschehnissen die nicht vorhersehbar sind – wie der Wind, der weht wo er will. Auch wenn wir vieles erklären können durch die Gesetze der Natur: Die Materie, die Schöpfung, ist auch nicht durch die Naturgesetze vorherbestimmt.
Maria ist ein Symbol für den Glauben, dass unser Leben in Gottes Hand liegt, dass er Großes an uns und durch uns tut, wenn wir ja sagen zu dem Plan, den er mit uns hat.
Am Ende steht Maria unter dem Kreuz. Der Glaube – auch dieser Frau – wird auf die Probe gestellt: kann ich auch angesichts des Hasses, der Verzweiflung, des Todes glauben, dass mein Leben in Gottes Hand geborgen ist?
Entgegen dem Augenschein steht sie zu ihrem Sohn. Sie steht zu ihrem Glauben, der nichts anderes ist, als ein sich Anvertrauen an das große Geheimnis, das wir Gott nennen, dass er niemand vergisst, sondern dass wir in seiner Hand geborgen sind.
Wir dürfen auch in diesem neuen Jahr das Wagnis des Glaubens eingehen und darauf vertrauen, dass Gott in uns und durch uns handelt, dass er unser Leben bestimmt, dass wir in seiner Hand geborgen sind.
Maria ist das Urbild für diesen christlichen Glaubens, der bekennt: Gott ist die Liebe, die im Sohn Marias Fleisch geworden ist.